"Schutz der Familie"

7. September 2004, 19:28
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Wieso nützt es den heterosexuellen Ehen und Familien, wenn man die Schwulen sekkiert? - Kolumne von Barbara Coudenhove-Kalergi

Der Streit um die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften scheint praktisch gelaufen. Es gibt, quer durch das politische Spektrum, solide Mehrheiten für ein Ende der Diskriminierung. Offenbar ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Hardliner in der ÖVP unter dem Druck der eigenen Leute ihren Widerstand aufgeben müssen.

So weit, so gut. Was mich ärgert, ist freilich die Argumentation der Gleichstellungsgegner: Zum Schutz von Ehe und Familie ist es notwendig, homosexuelle Verbindungen schlechter zu stellen.

Wieso nützt es den heterosexuellen Ehen und Familien, wenn man die Schwulen sekkiert? Ausgerechnet die Familienapostel, die ständig die "Keimzelle der Gesellschaft" im Munde führen, haben bisher wenig bis nichts getan, um der Keimzelle dort zu helfen, wo diese es wirklich braucht: bei der Kinderbetreuung. Seit praktisch zwei Menschenaltern wird die Ganztagsschule verlangt, und es gibt sie, außer für betuchte Privatschüler, immer noch nicht, weil es angeblich der Familie schadet, wenn die Schulkinder arbeitender Mütter auch nachmittags gut aufgehoben sind. Und überall dort, wo angeblich besonders familienfreundliche Konservative regieren, ist man vom flächendeckenden Kindergartenangebot weit entfernt.

Es ist schwer, diese Logik nachzuvollziehen, aber nicht unmöglich. Wie bei allen Ideologen scheint das Denkmuster folgendermaßen zu funktionieren: stelle eine Norm auf, wie die Wirklichkeit, in diesem Fall die ideale Familie, zu sein hat. Wenn die Wirklichkeit mit dem Ideal nicht übereinstimmt, umso schlimmer für die Wirklichkeit. Du kannst nicht verhindern, dass manche Leute homosexuell sind, aber du kannst ihnen das Leben schwer machen, ihnen finanziell schaden und versuchen, ihnen ein schlechtes Gewissen zu geben. Davon haben die traditionellen Familien real gar nichts, aber sie haben jemanden, auf den sie (theoretisch) hinunterschauen und zu dem sie, wenigstens in Gedanken, Pfui sagen können.

Offenbar ist das besser als nix und jedenfalls billiger für den Staat, als für ordentliche Kinderbetreuung zu sorgen. Das Ganze verläuft nach dem gleichen Muster wie beim Umgang mit anderen Minderheiten. Man kann die Migration nicht wirklich verhindern, aber man kann die Migranten schlecht behandeln.

Freilich, auf die Dauer erweist sich die Wirklichkeit eben doch als stärker denn die Ideologie. In der ganzen westlichen Welt inklusive den konservativen USA hat sich die öffentliche Meinung in Sachen Homosexualität in letzter Zeit dramatisch gewandelt.

Man würde kaum glauben, dass man für dieses "Delikt" noch vor einigen Jahren gesellschaftlich stigmatisiert und in der Nazizeit ins KZ gesteckt worden ist. Immer wieder tauchen jetzt Politiker der verschiedensten Parteien auf, die sich als Homosexuelle outen und trotzdem gewählt werden. In den meisten Staaten werden gleichgeschlechtliche Partnerschaften mittlerweile staatlich anerkannt und behördlich registriert.

Auch in Österreich geht der Trend unaufhaltsam in diese Richtung. Das Resultat muss nicht unbedingt Ehe heißen. Gegen die Adoption von Kindern durch schwule Paare kann man Bedenken haben. Und es ist nicht einzusehen, warum beim Tode eines Partners der andere eine Witwen-oder Witwerpension beziehen soll, ebenso wenig wie bei kinderlosen heterosexuellen Paaren.

Aber das Argument vom "Schutz der Familie" zieht nicht mehr. Die Familien könnten den solcherart um sie Besorgten sagen: vielen Dank für diesen "Schutz". Geschenkt. Schaut lieber, dass wir endlich genügend ordentliche Ganztagsschulen und Kindergartenplätze kriegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2004)

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    foto: semotan
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