Die Mächte der Finsternis

7. September 2004, 19:28
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Was passieren würde, wenn in New York wieder das Licht ausgeht - Kommentar der anderen von Christof Zernatto

Der am Montag, beginnende Parteikonvent der Republikaner aus elektrischer Sicht, oder: Was passieren würde, wenn in New York wieder das Licht ausgeht. Über die durchaus realistischen Auswirkungen einer fehlenden Energieversorgungssicherheit.

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Am Montag beginnt die große "2004 Republican National Convention" der "Grand Old Party", wie sich die Republikaner in den USA gerne nennen. Überraschenderweise werden George Bush und Dick Cheney Hand in Hand mit ihren First and Second Ladys an der Seite ihres durchaus passenden Maskottchens, dem Elefanten, im Rahmen einer dreitägigen Megashow ins Rennen um die US-Präsidentschaft geschickt. Oder vielleicht doch nicht?

Denn Folgendes wird sich am Eröffnungstag begeben:

12.05: Drei Kraftwerke im Raum Ohio und Detroit gehen wegen Störungen vom Netz. Sofort ändern sich die Stromflüsse in einem der größten Industriegebiete der Welt. 15.06: Wegen Überlastung fallen 345 kV-Leitungen im Minutentakt aus . . . 16.08: Die Schwankungen im Netz Kanada/USA-Ost werden großräumig registriert . . . 16.10 bis 16.25: Elf Nuklearreaktoren fallen der Reihe nach aus. Sechs Netze mit einer Leistung von ca. 61.800 MW sind betroffen. Kollaps. Insgesamt 42 Stunden Blackout (teilweise bis zu 72) sind die Folge. 55 Mio. Einwohner sind betroffen. Der Schaden wird auf 4,8 Milliarden Dollar geschätzt.

Szenenwechsel: Dunkelheit, eisige Kälte, Temperaturen weit unter null - eine lebensfeindliche Welt. Und doch von Menschenhand geschaffen. Ab und zu öffnet sich die Gefrierschranktür. Anders an diesem denkwürdigen Tag. In Millionen Tiefkühlgeräten im Norden der USA kehrt Leben ein. Die freundlicheren Temperaturen erlauben es Mikroorganismen, sich an ihr Werk zu machen. Es riecht nach Fäulnis.

Chaos bricht aus

Der Aufzug bleibt zwischen dem 17. und 18. Stock stecken. Auch das Notstromsystem ist ausgefallen. Immerhin gut, dass das Handy über 100 Stunden stand-by funktioniert und noch halb geladen ist. Weniger gut, dass zuerst die Frequenz überlastet war und dann der Vermittlungsrechner für das Funknetz ausgefallen ist. Langsam, aber sicher breitet sich Chaos aus. Auch kriechen jene, die von solchen Ausnahmesituationen profitieren wollen, bereits unter ihren Steinen hervor. Vorbereitete Einsatzpläne stoßen an ihre Grenzen.

Es ist bereits dunkel. Und es ist heiß in der kleinen Wohnung. Die Klimaanlage funktioniert nicht. Das Baby schreit. Aber wenigstens war die Taschenlampe griffbereit. Morgen müssen neue Batterien und vor allem Kerzen besorgt werden. Und natürlich Milch. Am Morgen trifft man auf die vielen Menschen, die Kerzen, Batterien und frische Milch besorgen wollen. Das mit der Milch ist ein Problem. Auch die Kühlaggregate des Supermarkts ruhen.

Den ganzen Tag wird staunend registriert, was alles in unserer zivilisierten Welt ohne Strom nicht funktioniert. U-Bahnen stehen still, Züge in ihren Bahnhöfen. Der Flugverkehr ist zusammen gebrochen. Auch die lokale Fernsehstation sendet nicht. Egal, ist doch auch der Sender ausgefallen und das Fernseh- gerät läuft ja auch nicht ohne Strom. Kritisch ist die Lage in den Krankenhäusern. Der Treibstoff für den Generator wird knapp. Aber es kann ja nicht mehr lange dauern, bis sie die Lage in den Griff bekommen. Doch wer sind sie? Und wer sind die Verantwortlichen. Wer hat versagt?

Die Energieversorger, ist man zunächst geneigt, zu sagen. Hundertprozentige Ausfallsicherheit kann es nicht geben, wird milde eingeräumt, obwohl man gar nicht in Stimmung ist. In der zweiten stromlosen Nacht liegen die Nerven blank. Wie kann es sein, dass in der mächtigsten Industrienation der Welt niemand in der Lage ist, den Strom wieder anzustellen?

Währenddessen tagen die Regierenden weiter auf ihrem Nominierungskonvent. Es will aber keine rechte Stimmung aufkommen, auch wenn der Madison Square Garden in New York nur für etwa zwei Stunden im Dunklen lag. Nach zwei Tagen normalisiert sich die Situation. Schuldige sind schnell gefunden: Man war nicht vorbereitet, Planungsfehler, Sorglosigkeit, Schlamperei. Die Einsatzkräfte haben ihr Bestes gegeben und Schlimmeres verhindert, aber die Politik hat geschlafen!

Nur gut für die Republikaner, dass dieses Szenario für diesen Montag eher unwahrscheinlich ist, denn es hat sich genau so bereits zugetragen - vor etwa einem Jahr, am 14. August 2003. Differenziertere Analysen sprachen damals von Rahmenbedingungen im Wettbewerb, die es den Energieversorgungsunternehmen schwer machen, die notwendigen Investitionen für die Versorgungssicherheit (Reservekapazitäten) zu tätigen.

Manager sind ihren Aufsichtsräten und die ihren Aktionären verantwortlich. Gewinne müssen gemacht, Dividende ausgeschüttet werden. Streng genommen verletzt der Vorstand seine Pflichten, wenn er sich anderen Zielen verpflichtet. Noch strenger genommen verletzt der Aufsichtsrat Pflichten, wenn er sich von seinem Vorstand in diesem Fall nicht trennt.

Krisenmanagement

Freilich lässt sich mit dem Nachhaltigkeitsargument arbeiten. Ein guter Manager schaut über den Tag hinaus. "Corporate Social Responsibility" und "Corporate Citizen- ship" sind nur zwei Begriffe für Modelle, mit denen sich unternehmerische Maßnahmen mit Blick auf das Allgemeinwohl rechtfertigen lassen. Dies gilt umso mehr für standortrelevante Sektoren. Doch auch diese strategischen Führungsmodelle stoßen dort an ihre Grenzen, wo der Wettbewerb die Regeln diktiert.

Wie soll Versorgungssicherheit unter diesen Rahmenbedingungen langfristig finanziert werden? Ein zweites Problem: Wer koordiniert im Krisenfall die voneinander unabhängigen Marktteilnehmer der Elektrizitätswirtschaft? Der Tenor weltweit war eindeutig: Die Politik kann und darf letztlich ihre Verantwortung für das Funktionieren des Gemeinwesens und damit auch für die Versorgungssicherheit nicht abgeben.

Gerade als sich in Europa die Meinung durchsetzte, dass solch ein gewaltiger Blackout nur in unterentwickelten Regionen oder aber den vom Liberalisierungsfuror geplagten Nordamerikanern passieren könne, werden dem Piloten eines Airbus auf seinem Flug nach London-Heathrow Störungen in der Funkverbindung mit Rom gemeldet.

Es ist eine sternenklare Nacht. Minuten später traut er seinen Augen nicht. Der italienische Stiefel ist von der Bildfläche verschwunden. Absolute Dunkelheit. Es ist Sonntag, der 28. September 2003, 03.44 Uhr. Ein Baum war in der Schweiz auf eine Stromleitung gefallen. 57 Mio. Menschen sind von einem totalen Blackout betroffen. Aber die meisten schlafen fest. PS: Am 28. August 2003 gingen in London die Lichter aus. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2004)

Christof Zernatto, Ex-VP-Landeshauptmann von Kärnten, ist Sprecher des Forums Versorgungssicherheit, das für die Sicherung der Qualitätsstandards der Energie- und Wasserversorgung eintritt.
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