Pharmazeutische Reise ins Erbgut

9. September 2004, 13:39
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"Rassenmedizin" für die einen, therapeutische Effizienzsteigerung für die anderen

Alpbach - Neben neuen Technologien zur Optimierung von Entwicklung und Produktion im Medikamentensektor wurde bei den Gesundheitsgesprächen in Alpach Sonntag auch das Ziel der Pharmaindustrie samt dazugehöriger Forschung vorgestellt. Die hat sich mittlerweile auf eine ethisch nicht unumstrittene genetische Reise begeben.

Auf die "genetische Variabilität einer Spezies" zu "reagieren", würde das pharmazeutische Ziel von Christine Mannhalter vom Institut für Labordiagnostik der Uni Wien umschreiben. Als "Rassenmedizin" brachte es Ernst Leitner, Entwicklungschef des Pharmakonzerns Sandoz in Kundl, auf den Punkt. Was dahinter steckt? Der Mensch unterscheidet sich im Erbgut vom Tier um maximal drei Prozent, und die Menschen divergieren untereinander überhaupt nur um 0,1 Prozent. Doch just in diesem winzigen Unterschied zwischen den Menschen, etwa zwischen Schwarzen und Weißen, liege die Hoffnung.

Medikamente wirken nicht

Ein paar Beispiele: So genannte ACE-Hemmer, blutdrucksenkende Medikamente, mit denen Millionenumsätze gemacht werden, wirken bei Schwarzen nicht. Ähnlich verhält es sich mit etlichen Schmerzmitteln. Und ein erhöhtes Thromboserisiko, wie jüngste Forschungen zeigen, lässt sich auf die Genvariante "Faktor V Leiden" zurückführen. Fünf Prozent der Bevölkerung tragen dieses Gen - "der weißen Bevölkerung", wie Mannhalter konkretisierte. Schwarze haben es das nicht.

Dieser "genetische Rassismus", als der diese Forschungen mitunter abqualifiziert werden, habe guten Gründe, wird seitens der Industrie und Wissenschaft argumentiert. Denn nur wenn man die genetischen Unterschiede der Menschen kenne, die zu verschiedenen Reaktionen und Akzeptanzen auf und von Therapien führen, könnten auch geeignete Behandlungsmethoden entwickelt werden. Es werde möglich, Menschen ihr individuelles Erbgutprofil zu erstellen und damit ihr Krankheitsrisiko zu bewerten - für rechtzeitige Präventionsmaßnahmen, wie es hieß.

Die sozialen Auswirkungen, etwa auf den Arbeitsmarkt, (wer stellt gerne Personal mit hohem Krebsrisiko ein?) wurden nicht diskutiert, dafür die medizinischen: Auf Genprofile zugeschnittene Arzneien seien effizienter. Und ohne Aussicht auf Effizienzsteigerung und damit Absatzmöglichkeiten sind moderne Medikamente kaum zu finanzieren. Die Kosten für Entwicklung und Produktion einer Arznei bezifferte Leitner mit rund 800 Millionen Euro. (Andreas Feiertag, Der Standard, Printausgabe, 30.08.2004)

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