Historiker: Entschlossenheit der Alliierten hätte Hitler gestoppt

6. September 2004, 12:53
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Münchner Abkommen habe Hitler so weit bestärkt, dass er "Weltherrschaftswahn" entwickelt habe

Karlsruhe - Ein entschlossenes Handeln der westlichen Alliierten 1938 hätte nach Ansicht des Historikers Peter Steinbach Adolf Hitler und seine Kriegspläne gestoppt. "Wenn London und Paris bei der Aufteilung der Tschechoslowakei hart geblieben wären, hätte die Geschichte einen gänzlich anderen Verlauf genommen", sagte der Professor an der Karlsruher Universität. "Hätte man nicht die Appeasement-Politik verfolgt, sondern energisch klar gemacht, dass ein Krieg das Ende des deutschen Nationalstaates bedeuten könne, hätte Hitler kaum seine aggressive Politik so zügellos fortgesetzt." Das Münchner Abkommen habe ihn aber so weit bestärkt, dass er plötzlich einen "Weltherrschaftswahn" entwickelt habe.

Hitler-Stalin-Pakt

Steinbach verweist zugleich darauf, dass ohne den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 der Krieg ebenso wenig möglich gewesen wäre. "Die Vereinbarung mit der Sowjetunion hat Hitler kolossal entlastet und den Weg freigemacht für den Kampf im Westen." Schon 1939 habe der Diktator konkrete Angriffspläne auf Frankreich ausarbeiten lassen, "das Abkommen von Moskau war dann die diplomatische, politische und militärische Rückendeckung", sagte Steinbach, der Leiter der Berliner Gedenkstätte "Topographie des Terrors" ist. "Die Aufteilung Polens unter Russen und Deutschen war eine politische, aber auch eine gesellschaftliche Katastrophe. Die Völker in Ost- und Mitteleuropa zahlen bis heute den Preis für die Kumpanei der beiden Diktatoren."

"Politische Neurose"

Der Historiker machte jedoch klar, "dass es wenige Kriege gibt, bei denen die Schuldfrage so eindeutig ist". Hitler habe seit Jahren auf einen Krieg hingearbeitet, um im Osten "Lebensraum" zu gewinnen und nach Westen die "Schmach von Versailles", des umstrittenen Friedensvertrags von 1919, zu tilgen. "Das war eine politische Neurose, die ihn gefangen hielt. Seine Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg und sein Rassenwahn haben diesen Mann beherrscht." Nachdem der Krieg spätestens von 1942 an nicht mehr zu gewinnen gewesen sei, habe Hitler den Holocaust zum "Ersatzkriegsziel" erklärt. "Nicht umsonst hat er den Befehl zur Ermordung geistig behinderter Kinder auf den 1. September 1939 zurückdatieren lassen. Das war ein Wahn, der letztlich auch dazu führte, dass er nicht 1944 kapitulierte, sondern kämpfte, bis alles in Schutt und Asche lag", sagte der Historiker. (APA/dpa)

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