Interview: "Multikulti gibt es nicht"

3. September 2004, 19:31
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Feridun Zaimoglu ist Deutscher, seine Herkunft ist türkisch. Er sprach mit Stefan Gmünder über die Olympischen Spiele, den EU-Beitritt der Türkei und Multikulturalismus

Die Zeit nannte ihn einmal den "Malcom X der deutschen Türken", anderen gilt er als "Ali, der den Four-letter-word-Sound" macht und Wolf Biermann hält seine Texte für "pfäffisches Gerede": Feridun Zaimoglu. 1964 in Bolu, Anatolien geboren, mit den Eltern nach Deutschland, Berlin, München, dann Studium der Medizin und Kunst in Kiel, wo er seit 18 Jahren als Schriftsteller und bildender Künstler lebt.

"Auf die Ethnie beziehen sich die Ausgebremsten" sagt Zaimoglu und stellt sich jenen entgegen, "die ihr Gekränktsein zum Beruf machen, um damit doch nur auf der Höhe der Erwartungen der Multikultis als Statisten" zu fungieren. Seine Bücher tragen Titel wie Kanak Sprak, Abschaum oder German Amok, mit ihnen verschaffte Zaimoglu dem Schimpfwort Kanake eine Karriere und jenen eine Stimme, die kein Gehör finden.

Mittlerweile ist er literarisch seinen Weg weitergegangen, doch immer noch zerrt er an den Nerven der Bemühten und stört Strategien, die darauf hinauslaufen, Konfrontationen zu vermeiden. Er vereint Eloquenz mit Liebenswürdigkeit und setzt weiter auf "street credibility", Freibeutertum, die Hip-Hop-Optik seines schweren Schmucks - und, wenn es sein muss, auf Provokation.

STANDARD: Sie schreiben im Moment in der Türkei an Ihrem neuen Buch, wie werden die Olympischen Spiele in Athen nach dem negativen Zypern-Referendum aufgenommen?

Zaimoglu: Sehr gut eigentlich. Man hat Sympathie dafür, dass nicht alles ganz reibungslos ablief, eine gewisse Schludrigkeit und Nonchalance kennt man hier. Ich lese jeden Morgen drei türkische Tageszeitungen, man wundert sich allenfalls über die Megalomanie der Inszenierung. Ansonsten wird der griechische Bezug nicht besonders wahrgenommen. Dazu muss man wissen, dass die meisten Türken während der Fußball-EM die Griechen anfeuerten. Die Bevölkerung an sich schert sich wenig um türkisch-griechische Missverständnisse und Konflikte.

STANDARD: Und im Verhältnis zur EU. Wie europäisch ist die Türkei?

Zaimoglu: Der Großteil der Türkei ist nicht europäisch, das Land ist geprägt von einer sonderbaren Synthese von Stabilität und basischaotischer Regulierung. Man muss einige Zeit hier verbringen, um zu verstehen, was ich damit meine. Die Türkei ist ein Mosaik von Lebensformen und Lebensmöglichkeiten. Wenn man in Istanbul ist, wird man nicht nur feststellen, dass es sich um eine große Metropole handelt, größer als Berlin, man merkt auch, dass schon auf dem europäischen Teil der Türkei Asien beginnt.

Man sollte sich daher nicht an den Traum von einer westlichen Türkei klammern, der sich als Illusion herausstellen wird. Die Türkei ist nicht der Balkan, sie ist auch nicht Asien. Der Begriff "Vorderasien" bringt es auf den Punkt. Was die politischen Verhältnisse betrifft, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die konservativ-religiöse Partei von Erdogan große Anstrengungen unternommen hat.

Es ist wirklich ein atemberaubender Fortschritt - auch in der Gesellschaft - feststellbar, aber ich bleibe dabei, die Türkei ist nicht der Westen. Man kann über politische, geostrategische Gesichtspunkte etc. diskutieren und argumentieren, die Türkei gehöre zwar weder historisch noch kulturell zum Abendland, es sei aber trotzdem wünschenswert, dass ein islamisch geprägtes Land Teil der EU wird. Ich finde es, und noch einmal, das ist meine persönliche Meinung, nicht wünschenswert. Ich bin gegen die Aufnahme der Türkei in die EU, es wäre für beide Seiten nicht gut.

STANDARD: Viele fürchten eine Islamisierung der Türkei, falls der Annäherungsprozess unterbrochen wird.

Zaimoglu: Dieses Argument zieht nicht. Die türkische Gesellschaft zeichnet sich zum großen Teil durch eine gesunde laizistische Einstellung aus. Islamismus ist ja nur ein Überbegriff, der Turkoislam hat sich seit jeher vom real existierenden Islam arabischer Prägung distanziert, von der iranischen Theokratie sowieso.

Das kann man auch bei den jetzt regierenden Konservativen mit ihrem leichten islamistischen Touch sehen. Der Kemalismus hat seine Spuren hinterlassen, Erdogan muss vorsichtig darauf achten, dass ihm nicht islamistische Tendenzen und eine Camouflagepolitik unterstellt werden. Ich glaube, der Großteil der türkischen Gesellschaft ist nicht bereit, Islamismus zu akzeptieren. Bei einer Ablehnung von Beitrittsverhandlungen wäre die Enttäuschung sehr groß.

Andererseits gibt es hier sehr viele, die unaufgeregt und aufgeklärt darüber reden, dass man aufhören soll, der Bevölkerung Versprechungen zu machen. Zudem sind die Türken nach Jahrzehnten uneingelöster Versprechen seitens der EU misstrauisch geworden.

Man kann aber in der EU auch nicht einfach sagen, die Entwicklung ist zu fortgeschritten, man darf die Türken nicht enttäuschen, das wäre eine Form von Erpressung. Man muss einfach sehen, dass der Einzug demokratischer Sitten auch für die türkische Gesellschaft an sich gut ist - und davon hat ja vor allem die Türkei einen Nutzen.

STANDARD: Die Geburtenzahlen in Europa sind rückläufig, die Gesellschaften werden älter. In der Türkei ist es umgekehrt, die Bevölkerung wächst pro Jahr um eine Million und wird jünger. Was wird sich dadurch ändern?

Zaimoglu: Da ist einiges am Aufbrechen, Traditionen, von denen man dachte, sie würden einen ständig unterdrücken oder man würde sie nicht los, weichen auf, das ist das eine. Andererseits ist in Sachen Kultur eine Stagnation zu bemerken, man spricht auch von der großen "Arabesk-Kultur", grob übersetzt heißt das "Proleten-Kultur", Proletarisierung der Gesellschaft. Da sehr viele Menschen aus den bäuerlichen Gebieten der Türkei in die Großstädte strömen, wird die klassische bürgerliche Schicht zurückgedrängt.

Wenn ich den Fernseher einschalte oder Zeitungen aufschlage, werde ich Zeuge dieses Kulturkonflikts. Die einen weisen auf die Gefahren besagter "Arabesk-Kultur", die längst schon siegreich eingezogen ist, hin.

Andere sagen, was das Volk in Kultur und Gesellschaft hineinbringt, kann so schlecht nicht sein. Grob vereinfacht könnte man sagen, es handelt sich um den Kampf zwischen der westlich orientierten, bürgerlich gesinnten Schicht und den - wie diese Schicht polemisch sagt - asiatischen Horden mit ihrer Unkultur, die - und das ist ein Zitat - "alles verunstalten".

Ich denke, die Türkei wird am Zwiestreit dieser beiden Kräfte mit all den Verästelungen und Kleingruppen noch ziemlich lange zu knacken haben.

STANDARD: Wie sehen Sie die europäischen Diskussionen um "Assimilation versus Parallelgesellschaft" beziehungsweise "Leitkultur versus Multikulturalismus"?

Zaimoglu: Die Kulturkämpfer greifen gerne zu Schlagworten und Kampfbegriffen und wollen uns weismachen, dass wir, die Abkömmlinge der Gastarbeiter, uns zwischen Assimilation und der Bildung von Parallelgesellschaften aufreiben. Die zweite und dritte Generation kann sich, wenn es hoch kommt, eher schlecht als recht türkisch unterhalten. Sie reden deutsch, sie reden im Slang, sie sind vielleicht sprachlich nicht so ambitioniert.

Ich sehe also nicht auf der einen Seite Assimilation und auf der anderen Seite den Rückgriff auf die eigene Religion und die eigene Kultur, sprich die Kultur der Eltern, die man eigentlich nur aus zweiter Hand kennt. Man bezieht sich, und das gilt für den Großteil der jüngeren Generation, auf die Welt, in der man lebt, und das ist die deutsche Gesellschaft.

Die Multikulti-Gesellschaft ist ebenfalls eine Lüge, eine Illusion, es gibt sie nicht. Ich sage immer, Multikulturalismus ist die friedliche Koexistenz von Speisekarten. (DER STANDARD, ALBUM, 28./29.8.2004)

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    Feridun Zaimoglu: "Man sollte sich daher nicht an den Traum von einer westlichen Türkei klammern, der sich als Illusion herausstellen wird."

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