Ein Mann geht aus dem Leim

3. September 2004, 12:45
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Rolf Dobelli verfolgt das Schicksal eines Managers weiter - Diesmal mit Knick

Die Schweiz ist ein gutes Pflaster für die Schilderung psychischer Folgen von Managerkarrieren. Das Land mit seiner besonders effizient ausgebildeten Kaste erfolgreicher lic.-oec.-Krieger hat immer wieder auch sie scharf beobachtende Kritiker hervorgebracht. Man denke an die unbarmherzige, semidokumentarische Analyse von Fritz Zorn (Mars) oder an Martin Suters präzise, nur an der Oberfläche unverbindliche Geschichten aus der Business Class.

Mit einem Kabinettstück trat Rolf Dobelli dieser Liga bei. Letztes Jahr debütierte der ehemalige Finanzmanager, Jahrgang 1966, mit der "Midlife-Story" Fünfunddreißig. Nun legt er die Fortsetzung der Karriere des Zürcher Marketingmanagers Gehrer vor. Sie ist ein einziger großer Knick, ausgehend von der nicht zu beantwortenden Titelfrage: Und was machen Sie beruflich?

Das Vorspiel, nur wenige Seiten: Der Protagonist sitzt allein an einem Sonntagnachmittag in der achtzehnten Etage seiner Firma, der SolutionsUniverse ("Wer solche Firmennamen erfindet, verdient es, hingerichtet zu werden!"). Eigentlich wollte er arbeiten, doch er lässt sich gehen, träumt von fremden Städten und hat das Gefühl, dass die Erde unter ihm bebt. Natürlich tut sie das nicht, dennoch überprüft er die Stabilität, neben einem Wasserglas auf dem Boden der Toilette liegend, stundenlang, bis in die Nacht hinein. Man ahnt: Gehrer geht aus dem Leim.

Zentrale Frage

Die Eröffnung: Montagfrüh wird ihm kurz und bündig und nicht unhöflich mitgeteilt, dass man ihn nicht mehr braucht. Ab diesem Moment fächert Dobelli seinen Roman in eine komplexe Struktur auf. Er weiß genug über den (nicht nur) helvetischen Arbeitsmarkt, um die nun folgende Entwicklung souverän zu beschreiben, von Part-time-Jobs über Beraten und Beratenwerden bis zur zentralen Frage, was Arbeit (bzw. die Simulation derselben) eigentlich ist. Er kann sich auch in die Situation hineinversetzen, in die ein Vierzigjähriger mit allen Insignien des Erfolgs gerät, der plötzlich nichts mehr hier verloren hat. Und er verwebt die beiden Ebenen meisterlich.

Fünfunddreißig war auch formal ein gewagter Beginn: In dem Buch passierte äußerlich so gut wie nichts - ein Mann (Gehrer, fünf Jahre jünger) sitzt einen Regentag lang am Zürichsee und denkt nach. Über die Weggabelungen, die sich an seinem unbegangenen Geburtstag auftun, erfahren wir durch innere Monologe und den ironischen Blickwinkel des Erzählers. Aussteigen in Indien oder zurück in die Managerlaufbahn mit Harvard-Zertifikat; oder war alles nur ein Traum?

Perspektiven

Und was machen Sie beruflich? ist konventioneller - es hat Kapitel, eine Handlung, die einem Höhepunkt zustrebt - und zugleich komplexer. Ehefrau Jeanette, im Erstling bloß eine Schablone, wird zur Verbündeten, dann zum Widerpart. Gehrer selbst durchwandert Stadien des guten Willens, des Verfalls, des Durchdrehens, bis er, statt aus einem Albtraum zu erwachen, sich in seiner verwahrlosten Wohnung hinlegt. Die Schneeflocken wirbeln durchs Zimmer. Es wird vielleicht ein sehr langer Schlaf. Gehrers Verfall ist so enervierend wie realistisch geschildert, meisterlich die Perspektiven wechselnd und nie langweilig, auch nicht in den Niederungen des Alltags.

Der Autor ist nicht mehr Finanzchef und CEO verschiedener Swissair-Töchter, sondern Gründungschef der Firma getAbstract, die für Leute mit wenig Zeit Kurzfassungen von wichtigen Texten zusammenstellt. Wo findet Dobelli da noch die Zeit, Romane zu schreiben? "Was soll man sonst am Wochenende tun, wenn man in Luzern lebt?" Wir wissen es auch nicht. Aber wenn das heißt, dass wir noch mehr über Gehrer lesen werden, dann soll uns das sehr recht sein. (Michael Freund/ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.8.2004)


Rolf Dobelli, Und was machen Sie beruflich? € 19,50/236 Seiten. Diogenes, Zürich 2004.
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