Innerhalb der Grundstücksgrenzen ist alles erlaubt

3. September 2004, 12:35
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Zwei weitere Architekturpreisgewinner: Fachhochschule Eisenstadt und Dialekthaus Oberschützen

So verschieden die drei Bauten auch sind, die in diesem Jahr mit dem Burgenländischen Architekturpreis ausgezeichnet wurden: Das in der vergangenen Woche vorgestellte Pfarrzentrum in Podersdorf am Neusiedlersee der Architekten lichtblau.wagner, die Fachhochschule in Eisenstadt und das Dialekthaus in Oberschützen - die drei gleichrangigen Preisträger verbindet, dass sie alle sehr prägnante städtebauliche Gesten setzen.

Die von Friedrich Achleitner angeführte Jury hat klar Position bezogen. Gegen frei stehende Architekturskulpturen einerseits und gegen eine allzu kuschelige Einfügung in die vorhandene Umgebung andererseits. Am Beginn des neuen Jahrhunderts weisen die drei prämierten Bauten einen Ausweg aus der seit Jahrzehnten brodelnden Debatte, die immer dann aufflammt, wenn jemand aufsteht und auf die "Stararchitektur" zu schimpfen beginnt, die "nur selbstverliebte Solitäre" hervorbringt, denen die unmittelbare Nachbarschaft egal ist und als "Kontext" nur die Hochglanzseiten internationaler Architekturmagazine akzeptiert.

Star-System Partei

Meist erhebt sich dann ein anderer, ergreift für das Star-System Partei, das doch die Lokomotive sei, die die Architektur in den trüben Sechziger- und Siebzigerjahren aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit gegenüber einer allmächtig gewordenen Bauindustrie herausgezogen habe. So kann es stundenlang weitergehen. Muss es aber nicht, denn mittlerweile hat sich eine neue Generation einen Mittelweg erarbeitet.

Die Architekten sind jung, zählen aber nicht mehr zu den allerjüngsten, von denen so oft die Rede ist. Selbstbewusst besetzen ihre Baukörper das Grundstück, sind zeichenhaft, aber nicht selbstverliebt, denn die Umgebung wird nicht ignoriert, sondern als Fundus möglicher Antworten ernst genommen. Im Debattenjargon der 70er-Jahre würde man sagen, dass die Bauten "die Verhältnisse kritisch reflektiert und zugespitzt" haben.

Hörsaalgebäude

Die Fachhochschule der Architekten Peter und Gabriele Riepl, kurz Riepl.Riepl, in Eisenstadt wirkt auf den ersten Blick sehr niederländisch. Wie bei dem Hörsaalgebäude "Educatorium" von Rem Koolhaas in Utrecht zieht sich der Boden schräg in die Höhe und schlägt eine Rolle rückwärts und wird zur Geschoßdecke. Während aber Meister Rem das ganze recht beziehungslos in den Raum stellt, orientieren sich Riepl.Riepl am streifenförmigen Bebauungsmuster einer recht banalen Gewerbezonenumgebung.

Vorn an der Ausfallstraße macht sich ein Möbelhändler breit, dahinter reihen sich silbrig glänzende Forschungsgebäude wie Lastwagenanhänger, die jederzeit abgeholt werden könnten. Die vorläufig letzte bebaute Parkbox besetzt die Fachhochschule. Sie ist das einzige Gebäude in der Umgebung, bei dem Anfang und Ende definiert sind. Aus dem runden Kopf ergibt sich das Vordach über dem Eingang, an den im Innern eine quer liegende Halle anschließt. Die fünf Hörsäle sind in der Rundung untergebracht, Seminar- und Büroräume ziehen sich in drei Fingern in die Tiefe des Grundstücks.

Mit den Außenkanten akzeptiert der Bau stur die Grundstücksgrenzen, im Inneren aber wird die erdrückende Gebäudemasse durch die parallelen Finger geschickt in Höfe gegliedert. Am hinteren Ende ist die extravagante Schlaufe wieder auf der Höhe des Nachbarn angekommen und bindet so die FH mit einem schlichten Studentenwohnheim zusammen.

Tyrannei der Intimität

Weniger schwungvoll, aber durchwegs sehr präzise detailliert sind die Innenräume, wo sich zum Teil das Streifenmotiv der Fenster wiederholt. Doch nicht jeder akzeptiert ein Büro mit Fenster zum Gang. Ein Soziologe hat es mit einem Auszug aus Richard Sennetts Tyrannei der Intimität verklebt und rebelliert so gegen den Zwang der angeblich kommunikationsfördernden Transparenz.

Die Mitarbeiterin im Dialekthaus in Oberschützen würde sich freuen, wenn einmal jemand hineinschaute. Das Haus krönt zwar die Aktivitäten des Vereins zur Pflege des burgenländischen Dialekts und steht tagsüber immer offen, aber wie so oft wurde auch hier aus Fördermitteln nur der Bau unterstützt, der Verein selbst hingegen arbeitet mit ehrenamtlicher Besetzung und vermag das Haus kaum zu füllen.

Heimatmuseum

Bereits die Außenform deutet auf ein gewisses Missverhältnis hin. Der Architekt Hans Gangoly fädelte die Räume zu einer Art Mauer auf, die das Grundstück in der Tiefe durchschneidet. Auf der einen Seite zeigt sich der Bau offen und verglast, im Zusammenspiel mit den zum Teil als Heimatmuseum genutzten Altbauten entsteht ein Hof. Die Rückseite der Mauer hingegen zeigt dem Rest des Eckgrundstücks die kalte Schulter.

Wenn das geforderte Programm nicht mehr Baumasse produziert, mag diese Selbstbeschränkung vielleicht im Modell als prägnante städtebauliche Figur durchgehen, erscheint in der Realität aber als gestalterische Sparmaßnahme. Es ist nicht der Thermoputz allein, der die Mauer zur dumpfen Plastikwand herabmindert, auch die im Sommer viel starke Aufheizung in den Büros dahinter ist ein Problem, da die aufgesetzten Oberlichten nur mit Mühe zur Belüftung zu verwenden sind.

Alle Energie des Architekten scheint in den Innenraum geflossen zu sein, der so handwerklich solide aus "ländlichem", also nicht zu perfektem Sichtbeton geformt wurde, dass Innen-und Außenform nicht zum selben Bau zu gehören scheinen. Außen eine sterile Kiste, innen sehr haptisch. Auch die städtebauliche Geste hätte eine massive Wucht verdient. (Oliver Elser/ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.8.2004)

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