Ein Scheusal unter Scheusalen

3. September 2004, 12:45
posten

Der Niederländer Tomas Lieske stellt sich mit einem schwarzen Entwicklungsroman vor

Tomas Lieske, geboren 1942 in Den Haag, wird das Lesepublikum nachhaltig verstören. Sein Roman, dessen inhaltliches Gerüst man nur skizzenhaft vermitteln kann, ist das erste auf Deutsch erschienene Werk dieses Schriftstellers. Franklin wurde schon 2001 veröffentlicht und es ist sonderbar, dass der in den Niederlanden ausgezeichnete Text erst jetzt übersetzt wurde.

Abneigung

Schon die Rahmenhandlung ist derart bizarr, dass sie schon wieder glaubwürdig erscheint. Es beginnt mit der Höllenvision von einem arktischen Nickelbergwerk. Aus den Minen fährt im Dauertakt ein Zug mit dem aus dem Berg entrissenen Material in die Fabrik. Der Heizer, der einst als Kleinkind hier aufgetaucht ist, hat weder Vater noch Mutter. Er dirigiert den Zug wie ein apokalyptischer Reiter auf einem Stahlross. Dieser mythische Niel trifft im Lager auf Charles, das Bürgersöhnchen, das sich aus Dummheit von der SS anwerben hat lassen. Charles entfloh den Deutschen, wurde von den Russen aufgegriffen und ins eisige Zwangsarbeitslager gesteckt. Er entkommt dem Lager mithilfe von Niel, der einfach die Lokomotive klaut und abhaut, so weit die Schienen langen.

Zu Hause zwingt Charles seine Eltern, auch Niel, dem er sein Leben verdankt, bei sich aufzunehmen. Aber das ist nur der Rahmen für die Geschichte eines Kindes namens Franklin, den Erstgeborenen von Charles' Schwester. Die Abneigung zwischen der egomanen, unreifen Mutter und ihrem Kind ist gegenseitig und aufrichtig. Sie misshandelt den Knaben, der revanchiert sich mit erwachsener Tücke. Als ihn die Mutter mit einer Stange schlägt, verletzt sie ihn dauerhaft an der Wirbelsäule. Der in ein Internat abgeschobene Franklin beschließt, seine Eltern niemals wiederzusehen. Was leicht fällt, da sie ins Ausland entschwunden sind. Franklin hält sich fortan pekuniär an Onkel Charles, den Bruder seiner Rabenmutter.

Hoffnungsschimmer

Lieskes Entwicklungsroman eines kleinen, kompromisslosen Psychopathen, ist erschreckend und anrührend zugleich. Denn es gibt auch einen Hoffnungsschimmer im finsteren Universum des Heranwachsenden. Die Liebe zu einem eigenwilligen Mädchen lässt ihn seinen staunenswert kreativen Sprachwitz, seine Zuneigung und seinen Sarkasmus verbalisieren.

Franklin, das Scheusal unter Scheusalen, ist gelegentlich zu überraschend poetischen Empfindungen fähig. Aber Franklin ist auch ein Brandstifter und eine bizarre Rache wird ihn ereilen, so bösartig wie ein Fieberdelirium. Erst langsam gelingt dem Leser die Orientierung in diesem Szenario voll abstruser Fantastik. Eine Identifizierungsmöglichkeit mit den Figuren wird ihm sowieso verwehrt, ganz abgesehen von einer detaillierten Drastik, die ihn auf Distanz hält. Man braucht eine Gewöhnungszeit, um schließlich, überwältigt von der Plastizität der Sprache, rein alles für möglich, beschreibbar und erfahrbar zu halten. Den einzelnen, miteinander verwobenen Biografien, eine seltsamer als die andere, scheint ein konsistenter logischer Zusammenhang zu fehlen, den konstruiert der Lesende teilweise selbst. Es ist schwer, nach 380 Seiten aus diesem Traum von Himmel und Hölle wieder herauszufinden. (Ingeborg Sperl/ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 28./29. 8.2004)

Tomas Lieske, Franklin. Deutsch von Christiane Kuby. € 22,90/380 Seiten. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 2004.
Share if you care.