Ungarische Betriebe suchen vermehrt burgenländische Standorte

8. September 2004, 13:57
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Rund zehn ungarische Interessenten informieren sich täglich über das Prozedere bei Firmengründungen in Österreich

Eisenstadt - Eigentlich sei die Sache ganz einfach, sagt Ildikó Schadelbauer, logisch fast: "Die Ungarn sind flexibel, haben keine Angst vor dem Risiko, sehen mehr die Möglichkeiten, weniger die Gefahren. Und, das vor allem, sie beherrschen auch die Sprache." Und das meint die für Grenzüberschreitungen zuständige Referentin in der Eisenstädter Wirtschaftskammer durchaus im Gegensatz zu den hiesigen Gepflogenheiten: "In Österreich ist man da eher bequem."

Gründerboom im Burgenland

Folge der höheren magyarische Flexibilität ist ein unerwarteter Gründerboom im Burgenland. Rund zehn ungarische Interessenten melden sich täglich telefonisch bei Ildikó Schadelbauer, um sich übers Prozedere bei Firmengründungen in Österreich kundig zu machen, durchschnittlich zwei am Tag klopfen an die Tür. Etwa zwanzig Unternehmen mit ungarischen Inhabern gibt es schon jetzt im Burgenland, und diese Zahl werde noch deutlich zunehmen, meint die Referentin der Kammer.

Über die Motive der ungarischen Klein- und Mittelbetriebe, ins Burgenland zu expandieren, kann auch Schadelbauer nur spekulieren. Klar ist ihr nur die psychologische Basis: "Die Firmen sind in Ungarn erfolgreich und denken jetzt: Warum soll uns das nicht auch in Österreich gelingen?" Das beschreibt ziemlich exakt das Gegenteil der burgenländischen Durchschnittseinstellung.

Die Mehrheit der ungarischen Gründungsinteressenten ist im Baunebengewerbe und im Dienstleistungsbereich tätig. Schon gibt es einen magyarisch geführten Friseursalon im Südburgenland, Fliesenleger, Masseure, Holzschläger. Aber auch produzierende Betriebe sind am Standort Österreich interessiert. Eine ungarische Großbäckerei mit rund 200 Mitarbeitern will sich ein burgenländisches Spielbein schaffen, wobei hier, meint Schadelbauer, eher der Handel im Vordergrund stehe: Filialen, die mit EU-Gebäck aus Ungarn beliefert werden. Dennoch ein ganz erstaunlicher Trend, denn bei der Kammer hat man in den vergangenen Jahren mit Sorge ein Bäckersterben an den Eigenbackanlagen der Supermärkte beobachtet.

Komplizierte heimische Gewerbeordnung

Ganz haben die österreichischen Behörden sich noch nicht umgestellt aufs ungarische Ansinnen. Das im Biotop des Wohlerworbenen gewachsene Regelwerk findet zuweilen ziemlich kuriose Auslegungen. Etwa bei jenem ungarischen Malermeister, der einen Betrieb im Burgenland eröffnen will und deshalb im Mai einen einschlägigen Antrag an die zuständige Bezirkshauptmannschaft stellte. Die beschied in einem ersten Versuch allerdings, sie könne das Begehr nicht befürworten, man habe amtlicherseits den Verdacht, der Petent wolle über seinen burgenländischen Standpunkt zu Aufträgen in Wien kommen. Die kurze Nachfrage, ob es burgenländischen Unternehmen generell verboten wäre, Aufträge aus Wien anzunehmen, änderte den Bescheid ins Gegenteil. Demnächst wird der ungarische Maler offiziell ein burgenländischer Unternehmer.

Die komplizierte Ordnung des heimischen Gewerbes schaffe bei den Interessenten Verwirrung, sagt Ildikó Schadelbauer. Die komplexen "Übergangsbestimmungen" tragen das ihre dazu bei. Die Tendenz sei aber unübersehbar: "Immer mehr Ungarn wollen legal werden. Das ist die wichtigste Botschaft." Der eine oder andere Neuunternehmer hat sich ja schon vorher einschlägig umgetan. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.8.2004)

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