Ein Dichtungskoffer voller patriotischer Rätsel

1. September 2004, 13:28
3 Postings

Der "Austrokoffer" zur Republikfeier 2005 erzürnt

Wien - Die anstehenden Republikfeiern im Jahre 2005 sollen auch ein nationalliterarisches Ständefest beinhalten: Im Verlag Ueberreuter erscheint mit dem Stichtermin Jänner '05 ein von Peter Pongratz bemalter "Austrokoffer", der in 18 Bänden mit insgesamt 5000 Seiten einen Überblick über das heimische Literaturschaffen nach '45 gestatten soll. Die Tücken des ehrgeizigen Unternehmens liegen nicht zuletzt im patriotischen Gepränge, mit dem ein Zusammenschluss von Politik und Dichtung proklamiert wird. Als Herausgeber zeichnet Krone-Publizist Günther Nenning verantwortlich, der in seiner Ankündigungsschrift Größenverhältnisse abbildet: "Das kleine Österreich ist eine kulturelle Großmacht."

Auf durchaus widerlegliche Art wird Jahrhundertautor Robert Musil bemüht: "Der Koffer ist eine patriotische Parallelaktion: Zur Politik läuft parallel die Literatur - da sind wir unübertroffen." Als Schutzherren fungieren denn auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel als "treibender Motor", unter den Mitarbeitern und Ideengebern scheinen Kunststaatssekretär Franz Morak und dessen Büroleiter Helmut Wohnout auf.

Viele Merkwürdigkeiten

Nennings überschwängliches Credo wird vorderhand noch von unliebsamen Tatsachen konterkariert. Viele der in dem Koffer vorkommenden Autorinnen und Autoren haben erst durch die IG Freie Autoren überhaupt von ihrer staatstragenden Mitwirkung erfahren. IG-Sprecher Gerhard Ruiss: "Der Merkwürdigkeiten gibt es viele: Andreas Okopenko hat durch mich das erste Mal von dem ,Koffer' gehört. Georg Kreisler schreibt in einem Brief, dass er als US-Staatsbürger unter keinen Umständen als ,österreichischer Autor' vereinnahmt werden möchte."

Die Autoren erhalten übrigens fünf Euro pro abgedruckter Seite. Ruiss: "In der Rubrik ,Erzählungen' werden Romane wie Wolfgrubers Herrenjahre gekürzt abgedruckt. Und überhaupt: Hat sich jemand überlegt, was ,abgestellter Koffer' auf Wienerisch heißt?" Antwort: das olfaktorisch bestürzende Produkt angeregter Darmtätigkeit. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29. 8.2004)

Share if you care.