Angriff der Donnergurgler

3. September 2004, 12:59
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Avantgardistischer wie unterhaltsamer A-cappella-HipHop von den zwei US-Gesangsextremisten Mike Patton & Rahzel

Wiesen - Ungefähr so dürfte es klingen, wenn ein Hund am Tourettesyndrom leidet: unkontrollierte Laute, scharfes Bellen, bedrohliches Knurren. Dazwischen wird der Mond angeheult oder nach dem Frauli gehechelt, dass die Lefzen schlabbern. Dann setzt es Papa Was A Rolling Stone als Großmauldisco, den Iron Man von Black Sabbath als Beschwerde aus dem Magen-Darm-Trakt oder das Killer-Riff von Seven Nation Army von den Alternative-Rock-Helden The White Stripes, gedeutet als Frankfurter Techno-Pop. Von wegen: "I got the power!" Mike Patton legt seine Gesangskunst strikt außerhalb der Ö-Norm an. Gemeinsam mit dem unter anderem vom Wu-Tang Clan oder The Roots bekannten Ausnahmestimmkünstler Rahzel ("The Human Beatbox"), der in seinem Mund eine ganze Funk-Band inklusive eines scratchenden DJ und des Schlagzeugers von Van Halen beherbergt, sorgt Patton mit diesem Vokalprojekt mit Abstand für den ungewöhnlichsten Beitrag beim diesjährigen Wiesen-Festival Two Days A Week.

Und Patton und Rahzel schaffen es tatsächlich auf einer leer geräumten Bühne, das seit drei Tagen von vier Hand voll Gitarrenbands weich gedögelte Publikum noch einmal zu begeistern.

Freistil

Mit nur wenig Unterstützung von diversen elektronischen Effektgeräten auf einem Beistelltisch kracht hier nicht nur avantgardistischer A-cappella-HipHop aus den Boxen, dass einem angst und bange wird. Rahzel imitiert gleichzeitig ein Schlagzeug, während er dazu im Freistil rappt und den zwischengeschobenen Gesang auch noch gleichzeitig mit Plattendrehertechnik ins Schleudern und Ruckeln bringt. Er schafft schon am Beginn dieser einstündigen Achterbahnfahrt mit dem dazu ein Nebelhorn auf der Suche nach sich selbst gebenden Patton ein Kunststück.

Dumme Streiche

Bevor man sich in einen Geisterbahn-Dancehall-Reggae stürzt, erlebt Wiesen die Österreichpremiere eines zungenschnalzenden, hektisch irgendwo im kolumbianischen Hochzeitsmarschbereich, sprich im Sechzehnsiebteltakt angelegten Drum'n'Bass-Tracks. Von diesem manischen Duo profitiert derzeit übrigens auch Björk, die die beiden als wesentliche Zuträger für ihr neues Album Medúlla buchte.

Mike Patton kann sich diese dummen Streiche eines Reichen leisten. Der Mann, der dort oben auf der Bühne in HipHop-Verkleidung steht und auch nicht weniger dämlich aussieht als alle anderen weißen Milchgesichter aus gutbürgerlichem Haushalt, wenn sie einen auf bösen Getto-Neger machen, war schließlich bis 1998 der Sänger von Faith No More.

Fantômas und Tomahawk

Und dank der Bilanzen dieser Urmutter aller schwarzen Musikstile wie Funk und Rap mit weißem Metal und Rock im Crossover zusammenführenden Bands, denen wir es abseits der Musik zu verdanken haben, dass Männer in ihren besten Jahren heute schlechte Tattoos und Augenbrauen-Piercings zu dickem Bauch und knielangen Hosen tragen, mit dieser noch heute bis in die tiefste österreichische Provinz nachwirkenden Formation hat Patton lebenslänglich ausgesorgt. Wenn der 36-jährige Kalifornier sein Geld nicht vorher wegen seines von ihm nach dem Ende von Faith No More gegründeten Plattenlabels verpulvert: "Ipecac Recordings, making people sick since 1999!"

Darauf findet man als geneigter Konsument von obskurer Undergroundmusik nicht nur die Melvins oder Kid 606, sondern auch Pattons zwei neue Bands. Die Kunstrock-Schweinemetaller Fantômas und die Prügelrocker Tomahawk.

Heute aber ist HipHop und Schabernack ausgeschildert. Gegen Ende findet Patton auf einem Kofferradio Radio Burgenland mit einem volkstümlichen Schlager: "Do you like Country music?". Rahzel bläst dazu die Tuba, während nach weißem Rauschen auf Ö 1 Betrachtungen über Plato angekündigt werden. Dem Wahnsinn eine Chance! (DER STANDARD, Printausgabe, 28./29. 8.2004)

Von Christian Schachinger
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