Rhythm King and her Friends: "I am Disco"

    4. Oktober 2005, 13:02
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    Geleitet vom Wunsch, ein queer-elektronisches Album auf den Tisch zu legen - Kühle Konfrontation am Dancefloor

    Scheint fast so, als ob feministische Musikerinnen nun tatsächlich eine eigene Schneise in das weite Feld der Popmusik geschlagen hätten: Eine wenn auch nicht besonders breite, aber immerhin kreative, individuelle und intellektuelle Selbstermächtigung, die für die HörerIn nicht nur auf die eigenen vier Wände beschränkt bleibt, sondern auch auf dem Tanzparkett Verwendung findet.

    In Deutschland heißt die letzte sehr beeindruckende Veröffentlichung zu diesem Thema "I am disco" von "Rhythm King and her friends". Die drei Wahlberlinerinnen machen seit vier Jahren gemeinsam Musik und haben im April diesen Jahres auf dem ebenso bekannten wie vielseitigen Berliner Label Kitty Yo ihr Debut-Album veröffentlicht.

    Jaqueline, Yvonne, Frankie ...

    Geleitet von dem Wunsch, ein queer-elektronisches Album auf den Tisch zu legen, wurde alles, woraus Popmusik besteht, zur Verhandlungssache: Die Texte sind am offensichtlichsten als politisch zu verstehen: Get paid ruft zur kollektiven Sabotage am Arbeitsplatz auf, Copie-moi, je veux voyager – benannt nach einem Computer-Virus, infiltriert die Festung Europa. Ihre Stücke tragen Mädchennamen wie Jaqueline, Yvonne oder Frankie, wobei sich dahinter nicht immer Liebeslieder verstecken wie bei der sehnsuchtsvollen Queer-Adaption des boy meets girl-in the suburbs-Klassikers Yvonne.

    "Dass unsere Texte alle von Frauen handeln, ist eigentlich klar: Wir denken den ganzen Tag an nichts anderes", stellen Pauline Boudry, Sara John und Linda Wölfel selbstverständlich fest. Paradox und doch auch wieder einleuchtend, dass diese "eingeschränkte Wahrnehmung" so viel Spannenderes über die Gegenwart zu berichten weiß.

    Queer produzieren

    Gängigen Hierarchiesystemen in der Musikwelt widerspricht das Trio auch in seiner Produktionsweise. Alle drei bringen sich in das Songwriting ein, alle spielen sie verschiedene Instrumente. Auch beim Singen wechseln die Musikerinnen sich ab und das in unterschiedlichen Sprachen: Dass dabei Akzente hörbar werden und gleichzeitig Personen in den Hintergrund treten, stört sie nicht. Vielmehr entspricht es dem postulierten do-it-yourself-Gedanken, der für Perfektion und Imitation gängiger Standards keinen Nerv hat.

    "I am disco" macht auch deshalb so viel Spaß, weil es in keinster Weise retro ist. Weder musikalisch, wo gängige Musikstile souverän zu einer eigenen Popsprache vermischt werden, noch in ihren Texten, wo das Leben in einer globalisierten, aber auch queeren Welt als Grundlage dient, um zeitgemäße und relevante politische Standpunkte zu beziehen. "Rhythm King and her friends" sind so gesehen also wirklich eine Entdeckung. (freu)

    Rhythm King and her Friends: "I am Disco" (Kitty-Yo 2004)

    Link

    Kitty-Yo

    • Artikelbild
      coverfoto: kitty-yo
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