9/11 1973 - Militärputsch in Chile

17. März 2006, 15:23
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Dem Umsturz ging eine gezielte Destabilisierung der Regierung Allende voraus - Powell: "Ein Teil der amerikanischen Geschichte, auf den wir nicht stolz sind"

Santiago/Wien - Am Morgen des 11. September 1973 putschten in Chile die Streitkräfte gegen die Regierung des demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende. Dem ebenso präzisen wie brutalen Militärcoup folgte eine Repressionswelle, die bis dahin für lateinamerikanische Verhältnisse beispiellose Dimensionen annahm und eine siebzehnjährige Diktatur begründete. Angesichts der von den Putschisten unter Führung von Armeechef General Augusto Pinochet entfesselten Gewalt mit dem erklärten Ziel, "das marxistische Krebsgeschwür auszurotten", blieben alle Widerstandsversuche chancenlos.

Kampfbomber legten den Präsidentenpalast La Moneda in Schutt und Asche. Die politischen Parteien und gewerkschaftlichen Organisationen wurden verboten, ihre Führer erschossen oder ins Exil gezwungen. Zehntausende Anhänger der Linksregierung wurden verhaftet. Aber nicht nur die aktiven Umsturzgegner wurden zu Opfern des Staatsterrors. In improvisierten Internierungszentren waren Folter und Mord an der Tagesordnung. Die Militäraufständischen führten auch die Praxis ein, Gefangene verschwinden zu lassen. Die neu geschaffene Geheimpolizei DINA ("Direccion de Inteligencia Nacional") koordinierte die Verfolgung von Oppositionellen innerhalb und außerhalb Chiles. Sie verübte Mordanschläge auf demokratische Schlüsselfiguren und schreckte 1976 nicht davor zurück, in Washington den ehemaligen Außenminister Orlando Letelier umzubringen.

Mehrere tausend Tote

Auch wenn die genaue Opferzahl umstritten ist, gehen Historiker wie Antonio Saez Arance davon aus, dass der 11. September 1973 in Chile mehrere tausend Menschen das Leben gekostet hat. Es folgte die unfreiwillige Emigration von Zehntausenden. Ungefähr 1.500 kamen nach Österreich. (Am 10. September findet im Parlament eine Gedenkveranstaltung der Österreichisch-Chilenischen Freundschaftsgesellschaft mit dem Zweiten Nationalratspräsidenten Heinz Fischer und dem chilenischen Botschafter Raimundo Gonzalez-Aninat statt).

Dem Putsch vorausgegangen war die gezielte Destabilisierung der Regierung Allende, die mit ihrer Verstaatlichungspolitik (insbesondere Kupferminen) in Konflikt zu den strategischen Interessen der USA geraten war. Die Nixon-Administration griff massiv in die chilenische Politik ein, indem sie regierungsfeindliche Gruppierungen und oppositionelle Medien finanziell unterstützte und die Position des südamerikanischen Landes vor den internationalen Wirtschafts- und Kreditinstitutionen systematisch unterminierte.

Arbeit für die Armen gegen westliche Interessen

"Wir glaubten", schreibt Henry Kissinger, ehemaliger US-Sicherheitsberater und Außenminister, in seinen Memoiren, "dass ein Sieg Allendes unsere Interessen in der westlichen Hemisphäre gefährden würde." Der Arzt und Sozialist war durch seine Arbeit für die Armen von Valparaiso zu der Überzeugung gekommen, dass man die Gesellschaft radikal verändern müsse. Um seine Wahl zu verhindern, flossen Millionen Dollar aus den USA in die Brieftaschen seiner Gegner. 1970 wurde er im dritten Anlauf dennoch Präsident. Daraufhin griff der US-Geheimdienst CIA zu verdeckten Operationen. Eine Methode, die der Friedensnobelpreisträger Kissinger in seinen Lebenserinnerungen so rechtfertigt: "Zwischen der militärischen Operation und der offiziellen Diplomatie gibt es eine Grauzone, in der unsere Demokratie sich gezwungen sieht, mit ihren feindlichen Gruppen in Konkurrenz zu treten."

"Das ist ein Teil amerikanischer Geschichte, auf den wir nicht stolz sind", sagte US-Außenminister Colin Powell 2003 in einer Diskussion mit amerikanischen Schülern, die ihn an den Putsch in Chile vor 30 Jahren erinnerten und fragten, mit welchem Recht sich die USA in der Irak-Frage eigentlich "moralisch überlegen" fühlten. (APA)

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    Archivbild: Am 11. September 1973 griffen chilenische Soldaten unter dem Kommando von Augusto Pinochet den Präsidentenpalast "La Moneda" in Santiago mit Artillerei an.

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