Softwarefehler gefährdet Gewinnziel der Siemens-Handysparte

8. September 2004, 14:05
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Warnhinweis bei leerem Akku könnte zu Gehörschäden führen - In Österreich betroffene Handys "im vierstelligen Bereich" ausgeliefert

Wien/München - Am Donnerstag hatte der Münchner Technologiekonzern Siemens wegen eines Softwareproblems den Auslieferungsstopp für die neue 65-Handyserie bekannt gegeben, heute wurden die ersten Auswirkungen sichtbar. Analysten fürchten, dass damit das ambitioniere Ziel der Handysparte zur Rückkehr in die schwarzen Zahlen im laufenden Quartal nicht mehr erreicht werden kann. Ein Minus von bis zu 20 Mio. Euro wird erwartet. Siemens ließ dies noch offen, sprach aber von einer "Delle". Betroffen seien Europa und Asien, in Österreich sei bisher nur eine "vierstellige Zahl" ausgeliefert worden sein, so Siemens-Österreich am Freitag gegenüber der APA.

Bei den defekten Mobiltelefonen kommt es zu einem sehr lauten Ton, wenn der Akku völlig entleert wurde, was zu Gehörschäden führen könnte, so Siemens. Bisher sei aber noch kein Fall einer Verletzung bekannt geworden, so das Unternehmen. Siemens Österreich empfiehlt, entweder den Ton auszuschalten (im Menü "Klingeltöne") oder bei den Siemens-Servicestellen ein kostenloses Update durchführen zu lassen. Die Servicestellen können unter der Hotline 051707-5004 erfragt werden.

Bisher hat es laut Siemens in Österreich noch keine Kundenbeschwerden gegeben. Neu-Handys sowie die Modelle auf Lager bei Siemens oder den Mobilfunkbetreibern sollen nun möglichst rasch das neue Update erhalten, bis dahin herrscht ein Lieferstopp. Hierzulande hatten alle Netzbetreiber die neueste Serie bestellt, erklärte Siemens. In einigen Tagen soll der Fehler behoben sein und die Auslieferung wieder beginnen.

Wie hoch die Kosten durch Umsatzeinbußen und Reparaturen ausfallen, ist nach Angaben einer Konzernsprecherin noch unklar. Die deutschen Großkunden T-Mobile, Media Markt, O2, Vodafone und E-Plus bestätigten am Freitag einen Bericht der "Financial Times Deutschland", wonach der Verkauf der 65er-Reihe vorübergehend gestoppt sei. Schadenersatzforderungen sind derzeit bei den betroffenen Unternehmen kein Thema. "Wir haben mit Siemens seit 25 Jahren eine gute Partnerschaft. Das kriegen wir geregelt", sagte Media-Markt-Sprecher Bernhard Taubenberger. Die Kostenaufteilung werde noch geklärt, sagten auch die Sprecher der anderen Siemens-Partner.

Wegen des Umstiegs von der 55er- auf die 65er-Serie sowie Lücken im Portfolio - etwa das Fehlen von Handys mit Klappe, die nach langem Zögern nun auch von Nokia angeboten werden - hatte Siemens zuletzt deutlich Marktanteile verloren. Eigentlich wollte der Konzern den koreanischen Konkurrenten Samsung als Nummer drei ablösen. Doch nach Zahlen von Strategy Analytics wären die Münchner im Zeitraum von April bis Juni mit einem Marktanteil von 6,6 (Vorjahresperiode: 7,1) Prozent beinahe von der Nummer fünf SonyEricsson überholt worden.

"Das wird Siemens im dritten Quartal des Kalenderjahres sicher Volumen kosten", sagte Sal. Oppenheim-Analyst Frank Rothauge. Bear-Stearns-Analyst Axel Funhoff rechnet im Zuge der Panne mit einer Ergebnisbelastung im mittleren einstelligen Prozentbereich. Die technischen Probleme zeigten, "dass es Siemens derzeit nicht schafft, sich im Geschäft mit hochwertigen Mobiltelefonen zu etablieren", schrieb er in einer Kurzstudie. "Wir erwarten, dass Siemens Marktanteile verliert." Siemens legt zum 1. Oktober seinen Mobilfunkbereich (ICM) und das Netzwerkgeschäft (ICN) zusammen. In Zuge dessen waren auch ein Rückzug aus der Handy-Herstellung und eine Suche nach einem Partner diskutiert worden. Siemens hatte sich aber schließlich dazu entschieden, den Teilbereich zu sanieren. Erste Erfolge sollte die 65er-Baureihe bringen. (APA/Reuters)

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