Marin: "Kriegserklärung an die Regierung"

7. September 2004, 19:32
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Sozialforscher kritisiert Forderung des ÖAAB und der FPÖ - Schwerarbeiterregelung "politische Schnapsidee"

Wien - Scharfe Kritik an der Forderung des ÖAAB und der FPÖ nach einem abschlagsfreien Pensionsantritt nach 45 Beitragsjahren kommt vom Sozialforscher Bernd Marin. Der Slogan "45 Jahre sind genug" komme einer "Kriegserklärung an die Regierung" gleich, da er ein Abgehen von der Formel "65-45-80" bedeute. Nicht entscheidend ist für Marin die Frage nach der Finanzierbarkeit dieser Forderung. Denn die Forderung sei schlicht und ergreifend unfair, so Marin bei einer Pressekonferenz am Freitag.

Versicherungsmathematik

Marin verweist auf das ursprüngliche Ziel der Regierung, bei Pensionsantritt im Alter von 65 Jahren nach 45 Beitragsjahren eine monatliche Pension in Höhe von 80 Prozent des monatlichen Durchschnittseinkommens auszuzahlen ("65-45-80"). Wenn jemand also bereits im Alter von 60 Jahren 45 Beitragsjahren aufweise und sofort in Pension gehen wolle, dann sei dies zwar möglich - aber nur mit versicherungsmathematisch gerechten Abschlägen, betont Marin. "Für die Höchstpension ist es nicht hinreichend."

Die Pensionshöhe dürfte laut Marin in diesem Fall nicht bei 80 Prozent des Durchschnittseinkommens liegen, sondern nur noch bei 63,28 Prozent. Die Formel müsste für 60-Jährige also lauten: "60-45-63,28". Marins Argumentation: Könnte ein 60-Jähriger wie von ÖAAB und FPÖ gefordert ohne Abschläge in Pension gehen ("60-45-80"), dann würde er die Pension eines 65-Jährigen bekommen - aber um fünf Jahre länger. Das wäre aus Marins Sicht ungerecht und ein "Millionengeschenk" an die Betroffenen.

Schwerkraft

Die Gesetze der Versicherungsmathematik könne man ebensowenig außer Kraft setzen, wie die Schwerkraft und die Marktwirtschaft, betont Marin. "Wenigstens auf dieser Erde muss man mit der Schwerkraft, der Versicherungsmathematik und dem Markt leben." Wieviele Personen von einer solchen 45-Jahr-Klausesl profitieren könnten, weiß Marin nicht. Angesichts der Ungerechtigkeit der Forderung wären es seiner Meinung nach aber in jedem Fall "viel zu viele".

Frühpensionsregelung für Schwerarbeiter

Öffentlich widerrufen wurde von Marin bei der Pressekonferenz sein Vorschlag, eine eigene Frühpensionsregelung für Schwerarbeiter einzurichten. Angesichts völlig unzureichender Datenbasis habe sich seine ursprünglich "gut gemeinte" Forderung in eine "politische Schnapsidee" verwandelt, meint Marin. Zudem sei die Debatte zu einem Spielfeld für Interessensvertreter geworden, jeder behaupte von sich, Schwerarbeiter zu sein: "Es haben sich alle gemeldet, außer die Politiker."

Lebensverkürzende Belastungen

Marin lässt als Schwerarbeit nur lebensverkürzende Belastungen für jene Berufsgruppen gelten, wo dies nicht ohnehin schon durch hohe Einkommen abgegolten wird - etwa die dauernde Erschütterung des Körpers durch Presslufthämmer am Bau oder Lärmbelastung über 85 Dezibel. Davon wären seiner Meinung nach nur etwa 180.000 Arbeitnehmer betroffen. Selbstverständlich würden beispielsweise auch Chrirugen mit 45-Stunden-Schichten Schwerarbeit leisten, räumt Marin ein. Dies werde aber wohl durch entsprechende Einkommen abgegolten.

Die Argumentation der Ärztekammer, dass es auch Spitalsärzte mit hoher Wochenarbeitszeit und dennoch schlechter Bezahlung gebe, weist Marin zurück: In diesem Fall sollten die Ärzte lieber für ein ordentliches Aktivgehalt streiken, rät der Soziologe. Defizite im Kollektivvertrag könne man nicht einfach durch ein großzügiges Pensionssystem kompensieren. (APA/red)

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    Sozialforscher Marin über so manche Gesetze der Versicherungsmathematik: "Wenigstens auf dieser Erde muss man mit der Schwerkraft, der Versicherungsmathematik und dem Markt leben."

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