Zwischen Stolz und Hundekot

27. September 2004, 14:03
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Patriotismus hat in selektiver Wahrnehmung eine solide Grundlage ...

... Selektive Meinungsumfragen können der Sache einen seriösen Anstrich verleihen. Auf die Fragen kommt es an, und schon hat man exakte Daten über die vaterländische Befindlichkeit. Dienstag war 's, als die "Kronen Zeitung" trompetete: Aktuelle Umfrage - Jugend ist stolz auf Österreich! Leider wurde der Stolz der Jugend bis 24 durch eine Umfrage zum Unstolz der Landsleute über 18 in der "Presse" vom selben Tag gedämpft: Neue Umfrage zeigt, was die Österreicher erregt.

Nährt sich der juvenile Stolz zu je 80 Prozent von sportlichen und ärztlichen Leistungen, dahinter folgen "klassische Musik" (Musikland Österreich! Musikantenstadl!!) mit 75 % Nennungen, so ist der Stolz der Älteren durch Hundekot in Parks, auf Gehsteigen zu 75 % und wegen der Öl- und Spritpreise zu 80 % bis zum Ärger getrübt.

Da die Umfrage der "Presse" nur auf einige Reizthemen ausgelegt war, bedurfte es keiner Erklärung, warum sich viel mehr Österreicher über die Unpünktlichkeit Anderer (72 %) ärgern als über Probleme in Partnerschaft, Familie und Beruf. Das liegt nicht an der Oberflächlichkeit der Österreicher, es wurde nicht abgefragt. Vielleicht war die Angst zu groß, es könnten sich mehr Leute über die Trümmer ihrer Partnerschaft erregen als über die Trümmerln der Partner ihrer Nachbarn. Wäre unchristlich.

Da hatte es die "Krone" leichter, die tief sitzenden Ursachen für den Stolz unserer Jugend auf ihr Österreich zu erläutern. Dass die Jugend wegen der sportlichen Erfolge Österreichs wie jetzt in Athen, vor allem aber in Wintersportarten besonders stolz auf ihr Land ist, erscheint dem Innenpolitiker des Blattes, einem großen Logiker, logisch. Überraschend kommt ihm hingegen vor, dass es den gleichen ausgeprägten Nationalstolz auch wegen der in Österreich erbrachten medizinischen Leistungen gibt. Was ist der Arzt gegen den Sportler?

Bestes Beispiel für medizinische Spitzenleistungen sei die Wiederherstellung von Hermann Maier nach seinem Motorradunfall. In dem Pistenraser halten sich Logik und Überraschung die Waage, er ist das Gefäß, in dem sich der medizinisch und der sportlich indizierte Jugendstolz zu einem Cocktail mischen, den die Krone" mit Vorliebe anrührt. Denn dass der Stolz der Jugend letztlich ja doch nur dem Kleinformat gilt, das erläutert Gnam überzeugend all jenen, die es noch nicht aus einer Umfrage wissen. Dass unsere Jugend demnach über Spitzenleistungen neben dem Sport erstaunlich gut Bescheid weiß, ist nicht zuletzt Folge einer fundiert-ausführlichen "Krone"-Berichterstattung.

Wo es nicht um die "Krone", sondern um etwas weniger bedeutende Erscheinungen des nationalen Kulturlebens geht, ist Gnam durchaus einsichtig. Zu dem Stolz auf medizinische Höchstleistungen kommt auch der Stolz der Jugend auf klassische Musik, auch wenn deshalb nicht jeder gleich in ein Konzert geht. Nur die "Krone" ist dem stolzen Österreicher tägliche Pflicht.

Nicht bloß aus weltlichen, auch aus metaphysischen Gründen. Gut ein halbes Jahr ist es her, seit der Kräuterpfarrer des Blattes vom irdischen in den himmlischen Kräutergarten gewechselt hat, nicht ohne Hans Dichand als Erben der Kräuterkolumne einzusetzen - mit genug Material, um das Erscheinen seiner täglichen Rubrik bis zum Jüngsten Heiteren Bezirksgericht zu sichern.

Nach einigen Wochen dürfte ein paar Leuten die tägliche Auferstehung des Kolumnisten ein doch zu starkes Kraut gewesen sein, man suchte nach einer Erklärung des Wunders - und erfand eine. Wir dürfen nun sein Werk in seinem Sinne weiterführen, auch diese Kolumne, mit seinen authentischen Worten, die er uns in reichlichem Maß hinterlassen hat, manchmal auch mit unseren eigenen. "Wir" - das sind 27 engagierte MitarbeiterInnen in Karlstein, darunter zwei Mitbrüder vom o. praem., Melitta Blaim, die als Leiterin unseres Redaktionsbüros "an der Quelle sitzt" und dennoch nicht im Jenseits, sowie der Vereinsvorstand mit Karl Wanko, Bürgermeister von Karlstein und designierter Obmann des Vereines der Freunde der Heilkräuter.

Vor zwei Tagen nun hat das Blatt "Stumme Kräuter plaudern" angekündigt: Mit diesem Buch wendet sich der Kräuterpfarrer mehr an das Herz als an den Verstand. Er lässt uns in diesem Buch mit den Schwingungen des Herzens das verborgene Wesen von 30 Pflanzen verspüren, so dass sie uns dem "Sonnengesang" gleich zu Bruder und Schwester werden.

Warum nicht? Wer weiß schon, welcher Untote täglich die Kolumne von Günther Nenning schreibt? Nur: Wenn man den Leser schon das verborgene Wesen einer Nieswurz derart verspüren lässt, dass sie ihm dem "Sonnengesang" gleich zur Schwester wird, sollte er auch wissen, ob die begleitenden Schwingungen authentisch dem Herzen des Kräuterpfarrers oder doch nur dem des Bürgermeisters von Karlstein entströmen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2004)

Von Günter Traxler
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