Tour de Techtelmechtel

23. September 2004, 20:58
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Passend zum Klischee von der Stadt der Liebe widmet sich die Tour "Louvre coquin" den amourösen Gefilden der Kunstgeschichte

Kess und nackig liegt sie da, die Madame Dircé, in Stein gehauen von Lorenzo Bartolini. So mancher der fünf Millionen Besucher, die jährlich den Louvre durchwandeln, konnte es nicht lassen, ihr kaltes Popscherl zu tätscheln, erzählt die Kunsthistorikerin Elisabeth Guillerm. Als wäre es eine Geste der Empörung legt Dircé ihre Hand auf den Busen. Dem marmornen Nackedei wurde schließlich ein Extraaufseher zugeteilt. Auch seine Miene ist steinern. Zugeknöpft gibt er Obacht, dass Grapschereien von Kunst-Lustmolchen im Reich der Fantasie bleiben.

Dabei handelt es sich um eine Vorsichtsmaßnahme, die auf gewisse Weise einem Marketingschmäh des Megamuseums mit 300.000 Exponaten entgegenwirkt, denn die geführte Tour namens "Louvre coquin" setzt einzig und allein auf Sex. Auf den Akt zwischen Mars und Venus, auf im Liebesrausch zu Bruch gegangene Betten der Medici-Sippe oder auf die zahllosen Schäferstündchen von Henri IV samt seiner 56 Gespielinnen, mit denen sich der angeblich knoblauchbegeisterte Herrscher und Hygieneverweigerer vergnügte. Die dreistündige Tour bietet vom Schlafzimmerblick einer Nymphe bis hin zu tolldreisten Abenteuern so mancher Gottheit alles, was das neugierige Herz des Kunstliebhabers kräftig pumpern lässt.

Verklemmt ist Madame Guillerm kein bisschen. Auch wenn's auf den Gemälden nicht offensichtlich zur Sache geht, gibt die Kunsthistorikerin zu bedenken, was der eine oder andere Künstler mit schmachtenden Blicken oder gen Himmel ragenden Brüsten ausdrücken wollte. Und so manche Anekdote aus ihrem Kunstgeschichte-Fundus hat das Zeug dazu, die Wangen eines Tour-Teilnehmers zart rosenrot einzufärben, so wie das der Künstler Nicolas Poussin bei seiner Venus zuwege brachte - "postorgasmique" interpretiert Guillerm die Szene.

Man sieht, kunsthistorische Seriosität fehlt nicht auf dieser Tour de Techtelmechtel. Der Besucher erfährt vom mäandernden Moralverständnis zwischen verschiedenen Epochen, in welchen Räumlichkeiten derlei Erotika zur Schau gestellt wurde, Guillerm geht auf die Funktion des Boudoirs ein, und weiß dann wieder von drei Stufen der Liebe zu berichten, die der Künstler Jean-Antoine Watteau in Öl festhielt. Frei übersetzt lauten diese "anbraten, nachgeben und rein ins Vergnügen".

Sehr gut kommt bei der Gruppe die Geschichte, die die Fremdenführerin im Angesicht der imposanten Nike zum Besten zu geben hat. Ihr Kunstgeschichteprofessor habe diese als erste Gewinnerin eines Wet-T-Shirt-Contests interpretiert.

Wer glaubt, hier käme in erster Linie das männliche Geschlecht auf seine Kosten, irrt. Besonders freut sich Guillerm, dem weiblichen Teil des Publikums etwa einen Feschak in Form des sterbenden Sklaven vom großen Michelangelo Buonarroti zu präsentieren. Vor dem toten Adonis des Künstlers Laurent de la Hyre philosophiert die Fremdenführerin über die Gemeinsamkeiten von Tod und Orgasmus, ehe sie am Schluss der Tour dem mehrfachen Wunsch nachgibt, doch auch auf einen Sprung bei der Mona Lisa vorbeizuschauen, deren Lächeln allerdings auch Madame Guillerm noch nicht auf die Spur gekommen ist. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/27/08/2004)

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