Posten

2. September 2004, 23:22
27 Postings

++PRO & Contra --: Gegen das Posten sein, kann einen leicht in die Nähe böser Diktatoren rücken

+++Pro
Von Thomas Rottenberg

Es war vor Jahren, dass ein Grünpolitiker in privater Runde zum Poeten wurde: "Kummt was von der Basis, waß ma', dass a Schas is'," postulierte er in feiner Mundart. Offiziell, betonte der bis heute aktive Spitzenpolitiker, würde er Derartiges natürlich nicht einmal denken.

Heute, erklärte der Volksvertreter nun auf Anfrage, wäre ein solches Diktum obsolet. Es werde tagtäglich von der Internetrealität widerlegt: Der bedenkliche Reim entstand, als noch niemand vom "segensreichen Effekt partizipativ-interaktiver Klick-Elemente" für Volksvertreter und andere in der und in die Öffentlichkeit fabulierenden Personen wusste. Schließlich, freut sich der Mandatar, bestehe ein Teil seiner Arbeit darin, "sachliche, fundierte und wohl durchdachte Mails engagierten BürgerInnen aus allen Bereichen der Gesellschaft . . . zu lesen, zu evaluieren, zu beantworten" - und "mir zu Herzen zu nehmen". Der Input aus Postings - und ihnen folgende öffentliche Debatten - sei "befruchtend, motivierend und demokratiepolitisch wichtig". Außerdem hätten sie eine "funktionale Tradition": Römischen Feldherren raunte beim Triumphzug ein Sklave "bedenke, dass auch du nur ein Mensch bist" ins Ohr - das Posting habe eine ähnliche Aufgabe: "Es erdet. Es hilft, nicht abzuheben. Und ist Beleg dafür, dass man den Kontakt zur Basis sucht."

Der offiziellen Antwort folgte ein persönliches, inoffizielles Postscriptum des persönlichen Referenten. Der Mandatar, stand da, habe beim Beantworten der Anfrage oft gekichert. Und sei einmal sogar rot geworden.

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---Contra
von Karl Fluch

Gegen das Posten sein, kann einen leicht in die Nähe böser Diktatoren rücken. Gilt diese im Internet geschaffene Kommunikationsebene zwischen Verfassern von Texten und Lesern, also den potenziellen Postern, doch als zutiefst demokratische Einrichtung. Einerseits. Andererseits war auch früher das Schreiben von Briefen gesetzlich erlaubt. Aber das hat ja Geld gekostet und ungleich mehr Aufwand bedeutet, als schnell einmal online das Bein zu heben - Pardon! - schnell einmal zu posten.

Außerdem: Wollte man als Briefschreiber auf seinen geäußerten Standpunkt eine Antwort, musste man Name und Adresse angeben. Eine Sache des Anstands, die in Internet-Foren meist mit total lustigen "Nicknames" umgangen wird, weil es offenbar mehrheitlich als altmodisch oder sonst wie zurückgeblieben angesehen wird, im Paralleluniversum Internet mit seiner tatsächlichen Identität aufzutreten. Diese Anonymität bedingt zwar nicht zwingend einen Niveauverlust. Doch verführt sie charakterlich weniger gefestigte User all zu oft dazu, es Autoren einmal "ordentlich reinzusagen", deren Meinung nicht geteilt wird. Ohne auf so Kinkerlitzchen wie Argumentation Rücksicht zu nehmen, wird Dampf abgelassen. Die Satisfaktionsfähigkeit solcher Poster ist gleich Null.

Aber anhand vieler der so abgegeben Postings lässt sich ja ablesen, warum sie sich ihre Verfasser in die Anonymität flüchten: Sehr frei nach Karl Kraus lässt sich nämlich sagen: Als sie im Internet alles beherrschten - außer der Sprache -, begannen sie zu posten. (Der Standard/rondo/27/08/2004)

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