C.Reif, Mediatoren und Konfliktkultur-Forscher

2. September 2004, 23:22
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Als post-olympisches Resümee fällt mir ein, dass viele wieder nicht so oft gewonnen haben, wie sie hätten gewinnen wollen. Ich sage es ja immer wieder, eigentlich ist das ganze Leben ja eine regelrechte Behindertenolympiade, man verliert eh, aber man tut doch so, als hätte man irgendetwas Wichtigeres besiegt, die Leidenschaften oder den einen oder anderen Komplex oder die Hormone. Da muss man eben von Zeit zu Zeit den inneren Amerikaner in sich aktivieren und so tun, als hätte man gar nicht die 100 Meter Hürden gewinnen wollen, sondern nur den Fußpilz besiegen, der in diese schrecklichen Turnschuhe zwangsläufig eingebaut ist. Das ist ja auch schön, so ein kleiner Sieg über den Fußpilz. Niederlagen sind ebenfalls schön, das will ich G. doch einmal sagen, der mir neulich ganz empfindsam sein Mitgefühl aussprach, dass die Hormone bei mir wohl wieder einmal gewonnen hätten. Da schaltet sich doch gleich mein eingebauter Amerikaner wieder ein: Die Hormone haben nur deshalb gewonnen, weil ich sie absichtlich gewinnen hab lassen. Absichtlich. Hormone sind ja wie ungezogene kleine Kinder. Wenn ihre Erziehungsberechtigte mit leidlich Weisheit begabt ist, lässt sie sie ab und zu gewinnen. Dann bleiben sie gut gelaunt dabei und irgendwann werden sie schon noch einmal die Regeln lernen. Außerdem ist es besser, man lässt die Hormone gewinnen als die Komplexe. Oder die Neurosen. Oder die Aggressionen.

Haben Sie auch diese Gewalt-Plakate gesehen? Da wird jetzt überall zum Kampf gegen Gewalt aufgerufen, mit Messer und Pistole soll man sich dagegen zur Wehr setzen. Ich frage mich bloß, ob die Media-Planer nicht einen gravierenden Fehler gemacht haben - warum hängen die Plakate eigentlich in Wien und nicht im Gaza-Streifen? Dort wären sie doch sicher mehr am Platz. Genauso wie die vielen Mediatoren und Konfliktkultur-Forscher. Hier gibt es fast schon in jeder Straße einen und ich fürchte, sie nehmen sich gegenseitig die Klienten weg und keiner wird wirklich reich. Eine goldene Nase könnten sie sich in Vorderasien verdienen, wo sie echt gebraucht würden.

Schau sich einer dieses grauenhafte Elend auf der Welt an, bloß weil sich die Mediatoren nicht aus dem 4. Bezirk heraustrauen. Wie die Spinnen lauern sie auf die letzten Ehepaare, die sich noch streiten. Aus Mitleid könnte ich jetzt eine Plakat-Kampagne initiieren: Streitet Euch, damit sich ein Mediator freut! Aber Mitleid ist ja auch so eine hässliche Angelegenheit. Stellen Sie sich vor, die Plakat-Kampagne hätte Erfolg und die Leute schlügen sich nächtens auf der Gusshausstraße die Gmundner Vasen um die Ohren. Ein Wahnsinns-Mediatoren-Run würde einsetzen - aber wie würden die Wiener aussehen? Vernarbt, einäugig, blutunterlaufen und hässlich. Das kann ich nicht verantworten. Deshalb aus ästhetischen Gründen lieber kein Mitleid mit Mediatoren.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/27/08/2004)

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