Disco mit Krätze am Bein

2. September 2004, 14:34
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Die exzentrisch benannte US-Band !!! geht auf ihrem Album "Louden Up Now" wieder in die Disco

Es soll Leute geben, die sich zwecks Anschaffung von Tonträgern der Band !!! in die Mitte eines Plattenladens gestellt und dort dreimal laut geschrien oder gebellt haben. Andere, weniger der Esoterik und ihrer Urschreiverherrlichung zugetane Konsumenten, umschrieben ihren Wunsch umständlich mit: "Bitte das neue Album von der Band mit den drei Rufzeichen." Defätisten haben es ja schon gewusst: Die Welt wird immer komplizierter. In der Tat: Selbst die Fachwelt kann sich nicht auf eine eindeutige "Aussprache" der drei Rufzeichen festlegen, grenzt das Zielgebiet jedoch mit den Varianten "Chik, chik, chik" und "Chk, chk, chk" relativ überschaubar ein. Ob das den Erwerb des neuen Albums Louden Up Now unbedingt erleichtert oder würdevoller gestaltet - man weiß es nicht: "Bitte die neue 'Chk, chk, chk'." "Nein, bei uns sind Sie falsch. Der Logopäde ordiniert nebenan." Oder so.

Im schlimmsten Fall wird man mit einem Album von den Disco-Göttern Chic (Le Freak!) abgespeist - und kommt damit gar nicht so schlecht davon. Denn Disco ist ein wesentliches Element in der Musik des sieben- bis achtköpfigen Ensembles, das ursprünglich im sonnigen Sacramento beheimatet war, sich aber, um der Wiege seiner Musik näher zu sein, vor einiger Zeit nach New York bequemt hat. Genauer gesagt nach No New York. Dieser virtuelle Ort im Big Apple entstand aufgrund eines legendären, eben No New York betitelten Samplers, den einst Brian Eno produziert hatte.

Er versammelte darauf einige jener New Yorker Bands, die Ende der 70er-Jahre im Spannungsfeld von Disco und Punk zu Werke gingen: Acts wie James Chance and The Contortions, Teenage Jesus & The Jerks, Mars und D.N.A. Diese Post-Punk oder No Wave genannte Ära zählt heute als beliebtes Ausflugsziel von spät geborenen Bands wie The Rapture, Radio 4 oder Interpol. Während vor allem The Rapture seit der Renaissance des Post-Punk Blumen gestreut wurde, produzieren !!! eigentlich die interessantere Musik. Denn wenn es bisher ein Merkmal gab, das all diesen Wiedergängern gemein war, so jenes, dass eher mit dem Punk-Anteil als mit dem Disco-Element kokettiert wurde. Darum klingen auch die meisten Formationen wie Kopisten der diese Gasse noch immer dominierenden Briten von Gang Of Four.

!!! bewegen ihren musikalischen Entwurf, geprägt von fetten Bläsersätzen und einem dominant gespielten Bass, also Richtung Disco. Auch das hatten wir schon. !!! erinnern stark an Liquid Liquid. Wie bei dieser New Yorker Formation, Label-Kollegen der hier ebenfalls zu nennenden Schwestern von ESG, tendiert !!! zu einem infizierenden Groove. Songs wie Hell? Is This Thing On? oder das zentrale Shit Scheisse Merde (Part II) sind charakterisiert von stark perkussiven Elementen, während Punk Pause hat. Fast. Natürlich bitzelt da oder dort ein Gitarrengiftzwerg auf. Dem Funk, der die kleine Krätze gütig duldet, kann er dabei nichts anhaben. Die Länge vieler Songs weist ebenfalls Richtung Disco. Jenem Genre, in dem zwecks Verstärkung der hypnotischen Wirkung der Beats der Zeitrahmen einzelner Stücke bis zur Zehn-Minuten-Marke und darüber hinaus erweitert wurde. Trotz dieser Länglichkeit schläft einem hier nicht das Gesicht ein. Seit ihrem titellosen Debüt aus 2000 sind !!! - bei aller Länge - beständig am Komprimieren. Auch merkt man der Band an, dass sie sich stark über ihr Livespiel definiert.

Diesbezügliche Berichte vergleichen die dabei freigesetzte Energie mit jener von James Browns Band. Und eine viel bessere Empfehlung kann man sich als am Funk arbeitende Band eigentlich kaum wünschen. Und nun: Viel Glück beim Logopä ... - ähm, beim Plattendealer Ihres Vertrauens! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.8.2004)

Von Karl Fluch

!!!
Louden Up Now
(Touch and Go/Edel)

  • Artikelbild
    foto: touch and go/edel
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