Oppositionsführer
Viktor Orbán könnte von den koalitionsinternen Auseinandersetzungen profitieren - Kolumne von Paul Lendvai
Die regierenden Sozialisten in Ungarn befinden sich in einer
gänzlich ungewohnten und
zugleich politisch sehr kritischen Situation. Sie sind
auf Gedeih und Verderb mit
der kleinen liberalen Partei
(SzDSz) in einer Koalitionsregierung verbunden.
Seit Ende 2003 ist die
Kontrolle über die Wirtschaft aus den Fugen geraten. Nach einer beispiellosen und unüberlegten massiven Erhöhung der Löhne,
Gehälter, Stipendien und
Pensionen wurde reichlich
verspätet ein
Austerity-Kurs
eingeleitet. Auch
der Finanzminister musste Anfang des Jahres
über die Klinge
springen. Die
schwere Niederlage der Regierungskoalition
bei den Europawahlen gab den Spannungen sowohl zwischen den
ungleichen Partnern als
auch innerhalb der sozialistischen Führung einen
enormen Auftrieb.
MSzP-Chef László Kovács, der international angesehene Außenminister,
hat nach langem Zögern
seine Demission beim kommenden Parteitag angekündigt. Als Trostpreis wurde
er kürzlich zum EU-Kommissar, verantwortlich für
die Energiefragen, ernannt.
Der gestürzte Ministerpräsident Péter Medgyessy
ist ein ungarischer Herr,
höflich, beherrscht und mit
guten Umgangsformen. Darüber hinaus spricht er ausgezeichnet Französisch,
und als seine zweite Fremdsprache gilt die rumänische, die er als Kind eines
ungarischen Diplomaten in
Bukarest erlernt hatte.
Der
Wirtschafts- und Finanzexperte war schon unter dem
Kádár-Regime Vizepremier
und auch nach der Wende
in der Horn-Regierung Finanzminister. Im Frühjahr
Jahr 2002 gelang es den Sozialisten mit Medgyessy –
diesmal als parteilose Galionsfigur – und mithilfe
der liberalen SzDSz die
Wahlen knapp zu gewinnen und rund sechs Monate
später auch bei den landesweiten Gemeinderatswahlen zu triumphieren.
Die Situation in Ungarn
kann mit den scheinbar
ähnlichen Regierungskrisen in Tschechien und Polen nicht verglichen werden, weil in Budapest die
Sozialisten und Freie Demokraten über eine ausreichende parlamentarische
Mehrheit verfügen.
Medgyessy trat nach der Wahlniederlage die Flucht nach
vorn an. Er wollte den vom
einstigen Chefberater zum
gefährlichsten Rivalen gewordenen, um 20 Jahre jüngeren Sport-und Jugendminister Ferenc Gyurcsany
und dessen potenziellen
Verbündeten entmachten.
Der Ministerpräsident,
dessen Popularität in den letzten
Monaten dramatisch gesunken
ist, hatte aber seine Position maßlos überschätzt,
als er durch die
öffentlich geforderte Ablöse des
liberalen Wirtschaftsministers
István Csillag den kleineren
Koalitionspartner über das
Erträgliche hinaus provoziert hatte.
Ohne SzDSz
hätte die Regierung nicht
weiterexistieren können.
Neuwahlen bei der derzeitigen Stimmungslage wären
ein selbstmörderisches Experiment gewesen. Ein
"Kartell der Angst" in der
sozialistischen Parteiführung handelte blitzschnell,
um den zum Ballast gewordenen Medgyessy zu stürzen und seinen Nachfolger
beim außerordentlichen
Parteitag zu bestimmen.
Wie geht es weiter in Ungarn? Von den zwei Kandidaten vertritt Kanzleramtsminister Peter Kiss die Kontinuität und Gyurcsany die
Dynamik. Angesichts der
wichtigen weiteren Weichenstellungen – der Wahl
des Parteiobmannes und
des Vorstandes im Oktober
und der nächstes Jahr fälligen Wahl des Staatsoberhauptes – ist der Machtkampf bei den Sozialisten
bis auf weiteres prolongiert.
Der frühere Premier und
nun Oppositionsführer
Viktor Orbán kann den
Ausgang der innerparteilichen und koalitionsinternen Auseinandersetzungen
ruhig abwarten. Wenn Sozialisten und Liberale aus
den Turbulenzen der letzten Monate nichts lernen,
könnte der Sieg ihm bei den
2006 fälligen Parlamentswahlen fast mühelos in den
Schoß fallen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2004)