Matschkern hilft nicht

3. September 2004, 17:55
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In Wien und Prag braucht es jetzt viel Sinn für Symbolik - auf beiden Seiten - von Barbara Tóth

Mit seinem Besuch in Prag hat Bundespräsident Heinz Fischer jenes Gespür für politische Gesten gezeigt, das seinen politischen Visavis am Ballhausplatz mitunter fehlt.

"Wenn ich nicht Wiener wäre, wünschte ich mir, Prager zu sein", sagte er der tschechischen Tageszeitung Mlada Fronta Dnes. Und dem österreichischen Publikum erzählte er, dass sein Vater Tschechisch "wie eine Muttersprache" gesprochen hatte, nicht ohne bedauernd hinzuzufügen: "Ich spreche kein Tschechisch - leider."

Man kann diese Aussagen als süßlichen Smalltalk abtun, ohne Wert für die hohe Diplomatie. Im Lichte der angespannten Beziehungen zwischen Wien und Prag kommt ihnen aber ein nicht zu unterschätzender Symbolwert zu.

Fischer reiste mit einer atmosphärischen Botschaft im Gepäck nach Prag, und die lautet simpel: Benes-Dekrete und Temelín sind nicht die Causa prima meiner Reise. Unsere gemeinsame Vergangenheit soll kein Hindernis für unsere Zukunft sein - und das ist eine Geste, die diesseits wie jenseits der Grenze beachtet werden sollte.

Denn durch den anhaltenden politischen Druck und Gegendruck ist zuletzt viel zerstört worden. Die Tschechen mussten hierzulande in den letzten Jahren vor allem als eines herhalten: als politisches Feindbild, als Chiffre für Stimmungsmache und plumpen Nationalismus.

Fast hatte es den Anschein, als bestünde der nördliche Nachbar in den Augen der österreichischen Öffentlichkeit aus nicht viel mehr als aus vier Atommeilern und dem Namen jenes tschechischen Präsidenten, von dem die meisten Österreicher nicht einmal seinen Vornamen, geschweige denn sein Wirken benennen können: Edvard Benes.

Die Grenzblockaden gegen Temelín wiederum weckten auf tschechischer Seite nicht nur unangenehme Erinnerungen an den Eisernen Vorhang, sondern wurden auch als Angriff auf eine der zentralen patriotischen Tugenden empfunden. Tschechien, einst industrielles Herz der Monarchie, hegt bis heute einen nationalen Technikerstolz - der in kommunistischen Zeiten bewusst gefördert wurde.

Nicht viel anders ist es beim schwierigen Thema Geschichtsaufarbeitung: Ausgerechnet die Österreicher, also jene Nation, die selber wohl am besten weiß, wie viele Generationen es braucht, bevor man für Schuld und Verantwortung die richtigen Worte findet, forderte von den Tschechen mehrmals wortgewaltig Vergangenheitsbewältigung ein.

Trotz ist die Folge - mitunter geschickt inszeniert, wie etwa beim tschechischen Präsident Václav Klaus, der erst jüngst bei jenem Hotelier in Ceský Krumlov (Krumau) übernachtete, der demonstrativ eine Benes-Büste neben seinem Hoteleingang positioniert hat.

Überhaupt versteht sich der deklarierte EU-Skeptiker Klaus auf das Spiel mit dem Nationalen - und darin steht er seinen politischen Verwandten auf österreichischer Seite um nichts nach.

Als Tschechien der EU beitrat, pilgerte er zum Berg Blaník - der Sage nach ruht dort eine Armee tapferer Krieger, die zum Kampf erwacht, wenn die Nation in Not ist. Kanzler Wolfgang Schüssel wiederum setzt Zeichen, in dem er nicht nach Prag pilgert. Seit dem Jahr 2000 drückt er sich um seinen ersten Arbeitsbesuch - trotz aufrechter Einladung des ehemaligen tschechischen Premiers Vladimír Spidla. Als Grund wird Säumigkeit von Prager Seite in der Frage der Entschädigung Vertriebener kolportiert.

In der Tat wurde in dieser Frage von tschechischer Seite mehr versprochen, als politisch zu halten war. Das zeigt, dass Erinnern wie Vergessen in postkommunistischen Staaten offenbar noch mehr Zeit braucht.

Trotzig in Wien bleiben ist darauf aber genauso wenig die Antwort wie ostentativer Benes-Kult in Prag.

Fischers Gesten machen mehr Sinn. Weil sie nicht aufrechnen, sondern mäßigen. Und die gemeinsame Vergangenheit nicht als Last, sondern als eine Art bilateralen Luxus sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2004)

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