Wie im alten Rom

30. September 2004, 15:12
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Das italienische Wirtschaftssystem stand bisher geschlossen hinter den vermeintlichen Sanierungen. Nun ist eine Trendwende eingetreten

Die staatlich kontrollierte italienische Fluglinie Alitalia steht am Rande der Pleite. Das ist für eine italienische Staatsgesellschaft nichts Außergewöhnliches. Jahrelang wurden die defizitären Tochtergesellschaften der italienischen Staatskolosse Iri und Eni mit staatlichen Mitteln künstlich am Leben gehalten. Auch Alitalia gehörte dazu.

Das italienische Wirtschaftssystem stand bisher geschlossen hinter den vermeintlichen Sanierungen. Nun ist eine Trendwende eingetreten. Erstmals hört man auch aus der Privatwirtschaft Kritik an der Alitalia, an ihrem Rekorddefizit und am neuerlichen Überbrückungskredit, für den der Staat bürgt. Kein Geringerer als der Chef von Pirelli und Telecom Italia, Marco Tronchetti Provera, warf vor Unternehmern die Frage auf, ob die staatliche Fluggesellschaft Alitalia mit allen Mitteln gerettet werden müsse, auch wenn dies den Gesetzen des freien Marktes widerspreche.

Rettung "unter allen Umständen"

Gegen das betriebswirtschaftliche Vernunftdenken stellt sich der Staat - allen voran die zentralistisch orientierte Regierungspartei Alleanza Nazionale. Sie ließ bereits wissen, dass die Alitalia unter allen Umständen gerettet werden soll. Hingegen vertritt der neue, von Regierungschef Silvio Berlusconi unterstützte Wirtschaftsminister Domenico Siniscalco einen liberalen Kurs. Bei Alitalia geht es also auch um ein politisches Kräftemessen der Koalitionspartner. Die Argumente für einen radikalen Umbau oder die Stilllegung überzeugen: Derzeit liegen die Kosten bei Alitalia um 60 Prozent höher als beim Billigflieger Ryanair. Die durchschnittliche Urlaubszeit des Flugpersonals macht 45 Tage pro Jahr aus. Täglich melden sich 2000 Alitalia-Beschäftigte krank. Kurzum - bei Alitalia herrschen noch Zustände wie im alten Rom. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.8.2004)

Thesy Kness-Bastaroli
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