Polygamie-Dorf in Kanada entdeckt

23. September 2004, 13:15
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Bürgerrechtsorganisation wirft religiöser Kommune sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder vor

Vancouver - In der kanadischen Kleinstadt Bountiful, Provinz British Columbia, kommen auf 100 Männer 900 Frauen und Kinder; hier hat sich die Polygamie fest etabliert. Das Städtchen unmittelbar an der Grenze zu den USA wird von den AnhängerInnen einer Sekte bewohnt, die sich von den Mormonen abgespalten hat.

Die British Columbia Civil Liberties Association, nach eigenen Angaben eine der ältesten Bürgerrechtsorganisationen Kanadas, erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die religiöse Gemeinschaft. Männer hätten Sex mit Minderjährigen, Frauen müssten für sie ausgewählte Männer heiraten.

"Die Frauen, die dort leben, tolerieren diese Zustände, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Rechte geltend machen können", sagt John Russell, der Präsident der Organisation. "Wir wollen, dass die Besitzrechte der Frauen und Kinder respektiert und die schweren Vorwürfe wegen kriminellen Handelns sorgfältig untersucht und strafrechtlich verfolgt werden."

Sexistische und rassistische Lehrinhalte

Zwei Schulen, die öffentliche Gelder erhalten und von der fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage geleitet werden, will die Bürgerrechtsorganisation von den Behörden untersucht wissen. Sie glaubt, dass in den Schulen rassistische und sexistische Inhalte vermittelt werden und die Kinder später nicht in der Lage sind, in der Gesellschaft zurechtzukommen.

Bereits in den vergangenen Jahrzehnten hatten Polizei und SozialarbeiterInnen mehrfach Ermittlungen gegen die Kommune aufgenommen, ohne Erfolg. Denn für Gesetzesverletzungen wurden keine Beweise gefunden und wegen Polygamie wurde nie Anklage erhoben. Die Staatsanwälte fürchteten, wegen der in der kanadischen Menschenrechtscharta garantierten Religionsfreiheit würde es nie zu einer Verurteilung kommen.

Regierung muss sich damit befassen

Der Generalstaatsanwalt von British Columbia, Geoff Plant, hat nun die kanadischen Polizei, Justiz-, Erziehungs- und Familienbehörden auf den Fall angesetzt. "Die Anschuldigungen sind so schwerwiegend, dass sie die volle Aufmerksamkeit der Regierung verdienen", sagt Plant. Er will im Ernstfall entgegen bisheriger Bedenken auch Anklage wegen Polygamie erheben. Darauf stehen in Kanada fünf Jahre Haft. (APA)

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