Die globale Einbahnstraße

30. September 2004, 15:12
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Warum das Szenario von der Produktion im Süden und hoher Arbeitslosigkeit im Norden unrichtig ist - Kommentar der anderen von Heiner Flassbeck

Die Globalisierung ist ein Kind der reichen Länder. Die Märkte vollständig zu öffnen für Güter und Kapital, um die Früchte einer neuen und vollständigeren Arbeitsteilung ernten zu können, ist eine Idee, die in den reichen Ländern des Nordens geboren und über die ganze Welt verbreitet wurde. Nun scheint es, als werde der Spieß umgedreht: Was einst für die Armen im Süden eine Gefahr war, entpuppt sich als Bedrohung des Nordens.

Arbeitsplätze in Hülle und Fülle werden in die Niedriglohnregionen der Welt verlagert, und die Angst geht im Norden um, dass man die Geister, die man einst freudig rief, nicht mehr los wird. Es klingt ja auch so einleuchtend. Da einfache Arbeit fast überall auf der Welt gleich gut verrichtet werden kann, verlagern die Unternehmen immer mehr Produktionen dorthin, wo die Arbeitsstunde nur ein Zehntel oder gar nur ein Zwanzigstel der deutschen oder österreichischen kostet.

Nahezu alle Produkte könnten auf diese Weise, so suggerieren es die Auguren der Globalisierungsangst, von den Ländern im Süden hergestellt werden, und die Arbeitslosigkeit im Norden könnte beängstigende Ausmaße annehmen, wenn nicht sofort die Löhne und der Lebensstandard im Norden Richtung Süden massiv gesenkt werden.

Die Idee ist falsch, aber nicht totzukriegen

Zwar ist fast alles falsch an dieser schlichten Idee, sie ist aber nicht totzukriegen, weil die herrschende neoklassische Lehre in der Ökonomie sie mit Pauken und Trompeten immer wieder aus der Versenkung hervorholt, sobald sie durch steigende Arbeitslosigkeit in den Industrieländern oder Einzelbeispiele wieder einmal eine Scheinbestätigung erfährt.

Nach dieser Lehre können alle Länder der Welt praktisch alle Produkte, die global gehandelt werden, ohne weiteres herstellen, weil erstens alle Technologien überall zur Verfügung stehen und weil man zweitens, so unterstellt es diese Lehre, mit viel Arbeit und wenig Kapital einen Computerchip genauso gut herstellen kann wie mit wenig Arbeit und viel Kapital.

Ersteres ist falsch, weil fast alle Technologien nicht einfach verfügbar sind, sondern nur abgerufen werden können in einen komplexen Prozess des Zusammenwirkens von Arbeit und Kapital, der auf einer großen Menge von praktischem Erfahrungswissen beruht, das nirgendwohin - über Nacht gewissermaßen - transportiert werden kann. Wie sollte es sonst zu erklären sein, dass, um ein sehr deutsches und sicher unfaires Beispiel zu wählen, General Motors genauso wie Mercedes schon seit mehr als hundert Jahren Autos baut, aber noch immer keinen einzigen Mercedes zustande gekriegt hat.

Prinzip unumkehrbar

Auch die zweite Annahme ist falsch. Technologien zur Herstellung moderner weltmarktfähiger Produkte, die mit großem Aufwand an Forschung und auf der Basis der oben genannten komplexen Prozesse entstanden sind, kann man nicht wieder zurückverwandeln in Technologien, die mit sehr viel weniger Kapital und sehr viel mehr Arbeit funktionieren.

Wie sonst wäre es zu erklären, dass bei Direktinvestitionen in Niedriglohnländer nicht andere Fabriken exportiert werden als die, die auch zu Hause gut und mit viel Kapitaleinsatz gearbeitet haben. Man kann mit der Technologie der Fünfzigerjahre und viel Arbeit eben keine Mobiltelefone bauen, und eine andere Technik zu erfinden, die es erlauben würde, die gleichen Telefone mit mehr Arbeit und weniger Kapital herzustellen, wäre extrem teuer und, schlimmer noch, sinnlos.

Monopolstellung als Ziel

Das eigentliche Motiv derjenigen, die solche Investitionen in armen Ländern tätigen, ist ja nicht, Kapital zu sparen bei gleichen Gewinnen, sondern höhere Gewinne zu machen, temporäre Monopolstellungen zu erreichen, die sich aus der Kombination hoher Produktivität mit niedrigen Löhnen realisieren lassen.

Das kommt freilich in der Theorie nicht vor, weil ja der perfekte Wettbewerb regiert und das Entstehen von Monopolen und Vorsprüngen von vorneherein ausgeschlossen ist. Eine realistische Sichtweise auf diese Zusammenhänge hat bedeutende Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik. Um es zuzuspitzen: Arme Länder sind arm, weil sie nur über einen kleinen Kapitalstock verfügen und, außer Rohstoffen, nur ganz wenige Produkte herstellen können, die sich am Weltmarkt mit Gewinn verkaufen lassen. Reiche Länder sind reich, weil sie einen großen Kapitalstock besitzen und sehr viele weltmarktfähige Produkte mit Gewinn produzieren können.

Selbst wenn nun also via Direktinvestition das eine oder andere Produkt oder Vorprodukt zusätzlich in den Entwicklungsländern hergestellt wird, dann dreht dies doch nicht kurzfristig die Verhältnisse um, sondern trägt dazu bei, dass manche armen Länder eine Chance zum langfristigen Aufholen haben.

Nicht nur Marktzugang

Die Fülle der Produkte, die sie anbieten können, und die Dominanz in der Technologie, über die sie verfügen, macht die reichen Länder aber im Wettbewerb von vornherein überlegen. Nimmt man hinzu, dass die Verbraucher in den ärmeren Ländern sich häufig nichts sehnlicher wünschen als eines der wunderbaren Hochtechnologieprodukte aus dem Norden, wird die Globalisierung leicht zu einer Einbahnstraße.

Folglich muss man dem Süden nicht nur wie in den heutigen Welthandelsrunden offene Märkte und Marktzugang im Norden anbieten, sondern man muss ihm auch erlauben, über eine unterbewertete Währung oder über andere Maßnahmen die wenigen heimischen Produzenten weltmarktgängiger Produkte zu schützen und die Verbraucher davon abzuhalten, nur noch Importe statt der eigenen traditionellen Güter zu kaufen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.8.2004)

Zur Person

Der deutsche Ökonom Heiner Flassbeck leitet die Abteilung "Macroeconomics and Development Policies" der UNCTAD.

Die Waldviertel Akademie in Waidhofen veranstaltet von 26. 8. bis 29. 8. ein Symposium zu Globalisierungsfragen, bei dem auch Flassbeck referieren wird.
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