Biederkeit und Genialität

8. September 2004, 15:07
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Márta und György Kurtág in Salzburg

Salzburg - An sich sollte man sich vor konzertierenden Ehepaaren in Acht nehmen. Doch wenn Márta und György Kurtág - eine Mischung aus Biederkeit und Genialität in allen Fragen des Schöpfens und Nachschöpfens - musizieren, dann gewinnt kluge, expressive, gelegentlich auch im Minimalen brisante Musik eine Aura der Aktualität, als würden diese beiden seit eh und je aufeinander Eingeschworenen die längst vertrauten Sujets aufs Neue, also im Moment des Interpretierens gleichsam komponieren.

Als "Composer in Residence" ist Kurtág zurzeit bei den Salzburger Festspielen eingemeindet. Keine besondere Idee, einen weltweit geschätzten Autoren mit vielen "Residenz"-Verpflichtungen in den letzten Jahrzehnten zu verpflichten. Aber auch dafür wird Intendant Peter Ruzicka eine aalglatte Begründung haben im Sinne von zu beantwortenden Fragen, die freilich der Beantwortung harren würden in einem Koordinatensystem des heutigen, des morgigen Komponierens ungeachtet der Frage, was Komponieren überhaupt und jederzeit und durchaus bedeuten könnte.

Gleichwohl: Es gab nichts Neues an diesem Familienabend der Kurtágs, aber es gab eine Fülle von bekannten "Spielereien" (Játékok), deren witzige, tiefgründige und experimentelle Einfälle bis auf das Jahr 1973 zurückgehen, durchmischt mit Bach-Transkriptionen, die wir - es tut uns Leid - in letzter Zeit vom burgenländischen Duo Kutrowatz in jedem Fall sicherer, sogar einvernehmlicher, also auch verständlicher vernommen habe.

Komisch, schmerzhaft

Kurtágs Spiele jedoch werden in all ihren komischen und schmerzenden Facetten im Repertoire bleiben - und wenn man das zu behaupten wagt, dann wäre das ja für die heutige Musik ein geradezu ungeheuerliches Kompliment, selbst wenn es ein machtloser Rezensent in den Spalten eines vergänglichen Feuilletons zu Papier bringt. (Peter Cossé/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 8. 2004)

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