Zappelphilipp in der Schule

15. März 2006, 12:14
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Hyperaktive Kinder brauchen besondere Förderung und Betreuung. Die Krankheit wird aber oft nicht oder zu spät diagnostiziert und als Erziehungsfehler abgetan

"Am Schlimmsten ist es, von Ärzten und Psychologen immer wieder gesagt zu bekommen, dass man sein Kind falsch erzogen hat", berichtet Patricia Kmety, Obfrau des oberösterreichischen Vereins für hyperaktive Kinder und selbst Mutter eines erkrankten Sohnes. "Es hat Jahre gedauert, bis mir endlich ein Arzt gesagt hat, dass mein Sohn eine angeborene Krankheit hat, an der ich nicht schuld bin."

Aus dem Rahmen fallen

Damit ist auch schon das Kernproblem der Kinderkrankheit ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivitäts-Störung) angesprochen. Obwohl geschätzte drei bis fünf Prozent der österreichischen Kinder an der angeborenen Hirnstoffwechselstörung leiden, werden betroffene Kinder oft einfach als "schlecht erzogen" gebrandmarkt.

Tatsächlich sind die Erkrankten durch einen Mangel am Botenstoff Dopamin nicht in der Lage, Umweltreize zu filtern und einzuordnen. Folgen sind verstärktes Störverhalten, unsystematische und langsame Aufgabenlösung, Ablenkbarkeit und geringe Frustrationstoleranz. Nicht jedes "hyperaktive" Kind muss dauernd zappeln, aber alle Kinder fallen aus dem Rahmen, sowohl in Kindergarten, Schule, als auch im häuslichen Umfeld.

Abgestempelt

"KindergärtnerInnen und LehrerInnen sind mit den hyperaktiven Kindern oft überfordert", berichtet Patricia Kmety. Daraus den Lehrern einen Vorwurf zu machen, sei aber der falsche Weg. Nicht zuletzt spiele nämlich der Zeitdruck im Schulsystem eine Rolle, der es unmöglich macht, sich mit einzelnen Kindern einer Klasse verstärkt auseinanderzusetzen. Verhaltensauffällige Kinder gelten oft als Störenfriede und Außenseiter. "Den einmal aufgedrückten Stempel kriegt man nie wieder weg", erzählt Kmety.

Zappelphilipps Nachfolger

Einer neuen internationalen Studie zu Folge benötigt die richtige Diagnose von ADHS bei Kindern und Jugendlichen zur Zeit im Schnitt rund zwei Jahre. "Dies sind wahrscheinlich noch eher optimistische Zahlen", sagt Russell Barkley, Professor für Psychiatrie an der Medical University of South Carolina, der die Studie mit entworfen hat. Dabei ist die ADHS bei Kindern keine "neue" Krankheit: Schon vor fast 150 Jahren beschrieb der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann sie skizzenhaft in seinem weltberühmt gewordenen Kinderbuch "Der Struwwelpeter" in Gestalt des Zappel-Philipp.

Schlimme Spätfolgen

Der Mediziner Barkley wies auch darauf hin, dass Erwachsene in den USA, bei denen ADHS früher kaum oder gar nicht behandelt wurde, drei bis fünf mal so häufig in Gefahr liefen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. 75 Prozent hätten Scheidungen hinter sich. Bei ADHS-Jugendlichen hätten rund 40 Prozent unerwünschte Schwangerschaften. Es sei daher entscheidend, dass Lehrer richtig über ADHS aufgeklärt würden, ebenso Eltern und die Öffentlichkeit.

Mehr Öffentlichkeit

Die Forderung nach mehr Diskussion über ADHS in der Öffentlichkeit erhebt auch Patricia Kmety im Namen der betroffenen Familien. "Wer eine sichtbare, körperliche Behinderung hat, bekommt zumindest Mitleid und besondere Förderungen. Die Krankheit von hyperaktiven Kindern ist aber nicht so leicht erkennbar und wird daher oft als schlechtes Benehmen ausgelegt." Wie schlimm das Betreuungsdefizit wirklich ist, wurde ihr klar, als sie den Verein vor drei Jahren gegründet hat. Innerhalb eines Tages nach der Ausschreibung meldeten sich 147 verzweifelte Eltern von hyperaktiven Kindern.

Der Wunsch von Patricia Kmety an die Öffentlichkeit ist ebenso simpel wie einleuchtend: "Es muss allgemein bekannt werden, dass Hyperaktivität kein Erziehungsfehler ist, sondern eine Krankheit". (az)

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