"Schweizern ist Käse" - Mitarbeiter protestieren

8. September 2004, 14:15
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Verkaufspläne für die Belegschaftsvertreter noch nicht vom Tisch - 750 Teilnehmer bei Betriebsversammlung in Oberösterreich, 300 in Klagenfurt - Graz: Resolution gegen Totalverkauf

Linz - Auch nach dem Platzen des Verkaufs der Telekom Austria an die Swisscom bleibt die Belegschaftsvertretung misstrauisch. Für sie sind die Verkaufspläne der Regierung nicht vom Tisch. Dagegen protestierten Telekom-Mitarbeiter in einer Betriebsversammlung am Dienstagvormittag in Leonding bei Linz.

"Hände weg von unserer Telekom"

Zu der von der Belegschaftsvertretung organisierten zweistündigen Versammlung in der Kürnberghalle kamen nach ihren Angaben rund 750 der insgesamt etwa 1.600 Mitarbeiter in Oberösterreich. Das wurde angesichts der Urlaubszeit als Erfolg gewertet. Transparente mit den Aufschriften "Hände weg von unserer Telekom", "Schweizern ist Käse" und "Über einen Verkauf mit unerwünschten Nebenwirkungen informieren Sie Bundesregierung, Industriellenvereinigung und Finanzminister" begrüßten die Teilnehmer.

In Grußadressen lehnten unter anderem Betriebsrat Michael Kolek vom Zentralausschuss sowie der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Post- und Fernmelde-Bediensteten Gottfried Zauner die Telekom-Verkaufspläne ab. Die ÖIAG sei eine "Geldvernichtungsmaschine" und betrieben werde ein "Abverkauf an den Meistbietenden". Solidaritätsbekundungen kamen auch von Belegschaftsvertretern der Post AG und von Post- und Bahnbus.

"Tausende Arbeitsplätze gefährdet"

Der Vorsitzende der Personalvertretung der Telekom-Bediensteten in Oberösterreich Willi Eidenberger kritisierte erneut, dass durch einen Verkauf tausende Arbeitsplätze der Telekom gefährdet wären, Staatseinnahmen aus dem Gewinn der Telekom unwiederbringlich verloren gingen, die Technologie und die Infrastruktur der Zukunft aus der Hand gegeben würden und Millionenaufträge an heimische Firmen wackeln würden. Die Teilnehmer zündeten auf seine Aufforderung vor der Veranstaltung verteilte Teelichter als Symbol für jeden einzelnen Mitarbeiter an.

Landeshauptmannstellvertreter Haider solidarisch

Der oberösterreichische SPÖ-Vorsitzende Landeshauptmannstellvertreter Erich Haider drückte in einer Presseaussendung am Dienstag seine Solidarität mit der Versammlung aus. Der Finanzminister müsse die Konsequenzen ziehen und gehen, weil er mit seinem "Privatisierungswahn" den Wirtschaftsstandort Österreich tagtäglich in immer größere Gefahr bringe. Außerdem müsse seine Rolle im Zusammenhang mit dem nun aufgetauchten Verdacht auf Insidergeschäfte rund um den geplatzten Telekom-Deal geklärt werden.

Auch der Bundeskanzler könne sich sich nicht weiter blind und taub stellen. Die "Ausverkaufspläne" seien wirtschaftspolitisch falsch und müssten sofort fallen gelassen werden. Zudem forderte er einen sofortigen Privatisierungsstopp auch bei der Post und erklärte, er hoffe auf eine "Allianz der Vernunft" für die Sondersitzung des Nationalrates am kommenden Dienstag.

600 Mitarbeiter bei Versammlung in Graz

Rund 600 der 1400 in der Steiermark beschäftigten Mitarbeiter der Telekom Austria (TA) waren am Dienstagvormittag zur Betriebsversammlung in die Grazer Arbeiterkammer gekommen. Es wurde eine Resolution gegen den vollständigen Verkauf des Unternehmens gefasst. Betriebsratschef Robert Wallner fordert unter anderem eine offensive Akquisitionspolitik der Staatsholding ÖIAG statt "schizophrene Verscherbelungsaktionen".

Weiters wurde die gesetzliche Verankerung der Sperrminorität und eine klare Positionierung der Landesregierung gefordert. Jedenfalls werde man genau beobachten, wie sich die Bundesregierung weiter verhalte, sagte Wallner, der die Belegschaft über die Hintergründe des geplatzten Swisscom-Deals informierte. Eine Störung des Betriebes habe es durch die rund eineinhalb Stunden dauernde Versammlung nicht gegeben. Als weiterer Redner trat der steirische Arbeiterkammer-Präsident Walter Rotschädl auf.

Große Verunsicherung in Kärnten

In Klagenfurt nahmen heute, Dienstag, Vormittag mehr als 300 der insgesamt 700 Telekom-Mitarbeiter an einer Betriebsversammlung teil. Zentrale Forderung der Belegschaft: Der Nationalrat soll bei der Sondersitzung am 31. August beschließen, dass die Republik eine Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie an der TA halten müsse.

"Sauerei"

Sorge und Verunsicherung prägte die Stimmung im Telekom Center West. "Wenn die einmal geheim verhandelt haben, dann werden sie es mit Sicherheit wieder tun", brachte eine Angestellte die Meinung der Mitarbeiter zum Ausdruck. Empört zeigten sich die meisten auch darüber, dass sie von der Verkaufsplänen an die Swisscom erst aus den Medien erfahren hätten: "Das ist einfach eine Sauerei, wie die mit uns umspringen, da zählt der Mensch überhaupt nicht, sondern nur das Geld."

Arbeiterkammerpräsident Günther Goach meinte, er sei davon überzeugt, dass die Geheimverhandlungen im Hintergrund fortgesetzt würden. Er forderte einen Stopp des Personalabbaus. Allein in Kärnten sei der Mitarbeiterstand in den vergangenen Jahren von 1.100 auf 700 geschrumpft worden: "Jetzt muss Schluss sein." (APA)

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    "Hände weg von unserer Telekom" forderten die TA-Mitarbeiter bei einer Betriebsversammlung in Leonding bei Linz.

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