Wettlauf um russisches Öl

20. September 2004, 17:03
2 Postings

Russland will bis Ende 2004 Route der ostsibirischen Exportpipeline festlegen - Japan dürfte bevorzugt werden

Im Fernen Osten tobt ein Kampf um russisches Öl. Hauptakteure: China und Japan. Dabei geht es nicht in erster Linie um Beteiligung an russischen Kompanien; Streitpunkt ist vielmehr die ausstehende Entscheidung über eine neue Pipeline aus Ostsibirien.

China oder Japan

Angeblich bis Jahresende will die russische Regierung beschließen, ob die Pipeline aus dem Gebiet Irkutsk in der Nähe des Baikalsees (aus ökologischen Gründen nicht mehr die Stadt Angarsk, sondern Taischet) in die chinesische Stadt Dazin oder in den ostrussischen Hafen Nachodka am Japanischen Meer gebaut wird.

Dem Bedarf in beiden Ländern entspricht Russlands Wunsch nach Exportsteigerung (gemäß der nationalen Energiestrategie bis 2020 verlagert sich der Exportzuwachs von West nach Ost) und somit einem größeren Profit vom hohen Ölpreis. Denn Russland, das mit einer Tagesproduktion von mehr als neun Millionen Barrel mittlerweile Saudi-Arabien auf Platz zwei verweist, hat die Grenzen seiner Transportkapazitäten erreicht. Im Gegensatz zu westlichen Landesteilen ist das Leitungsnetz im Osten unterdimensioniert.

2002 war Russlands Premier Michail Kasjanow mit China über die Route nach Dachin übereingekommen. Yukos sagte die Lieferung für die nächsten 25 Jahre zu. Plötzlich jedoch bevorzugte der Kreml den Bau nach Nachodka, und China erreichte immerhin in der russischen Energiestrategie den Eintrag über den Bau beider Pipelines einer Seitenlinie der Nachodka-Pipeline nach Dazin.

Japanische Milliardenzusagen

Japan hat für die 4500 km lange Variante in den Hafen Nachodka (östlich von Wladiwostok), die 2009 in Betrieb gehen würde, vor allem mit Milliardenzusagen für die Erschließung ostsibirischer Öllagerstätten geworben. Der Vorteil dieser Route liegt auch darin, dass neben Japan auch andere Abnehmerländer – darunter China und die USA – von Nachodka aus versorgt werden könnten. Außerdem ist Russland geopolitisch an einer Erstarkung seines Nachbarn China nicht interessiert.

Ausweichrouten

Allerdings warnen Experten, dass die Baukosten bei mindestens zehn Mrd. Dollar – und damit über den veranschlagten sechs Mrd. – liegen werden, was das Projekt unrentabel machen könnte. Der Zuschlag für Japan gilt jedoch bereits als sicher. Das erhärtet die jüngste Stellungnahme des staatlichen Pipelinebetreibers Transneft, wonach man bereits die Route nach Na^chodka ohne Abzweigung nach Dazin zur ökologischen Prüfung übergeben habe.

Dass die Ölkapazitäten gerade im wenig erschlossenen Ostsibirien für diese Kompromissvariante – 30 Millionen Tonnen jährlich nach China und 50 Millionen Tonnen nach Nachodka – reichen werden, wird aber angezweifelt.

Ölverbrauch in China steigt stark

China ist heute der weltweit zweitgrößte Ölverbraucher – hinter den USA. Der Anteil am globalen Verbrauch wird in den nächsten zwei Jahrzehnten von derzeit 2,7 Prozent auf über zehn Prozent ansteigen, wobei der Importanteil von heute 30 Prozent bis 2030 auf 60 Prozent zulegen dürfte. Mit der 2300 km langen Pipeline nach Dazin hofft China, ein Drittel seines derzeitigen Imports decken zu können; Russlands Export nach China – derzeit nur via Eisenbahn – würde sich verdreißigfachen. In weiser Voraussicht, dass Russland Japan bevorzugt, hat sich China abgesichert und verhandelt derzeit auch mit Kasachstan über eine neue Route. Die Ölversorgung in Ostasien ist somit längst zu einem Wettkampf geworden. (DER STANDARD Printausgabe 24.08.2004)

Eduard Steiner aus Moskau
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine Ölproduktionsstätte außerhalb der Stadt Nefteyugansk in Sibirien.

  • Neue russische Pipeline
    grafik: der standard

    Neue russische Pipeline

Share if you care.