Nullrunde für Volkswagen-Mitarbeiter

8. September 2004, 13:55
posten

Personalvorstand Hartz präsentierte Sieben-Punkte-Programm für Beschäftigungssicherung - Autobauer will Arbeitskosten bis 2011 um 30 Prozent senken

Wolfsburg - Der Vorstand von Europas größtem Autobauer Volkswagen will mit drastischen Sparmaßnahmen und weit reichenden Tarifzugeständnissen der Belegschaft seine aktuelle Krise bewältigen.

"Kein Spielraum für Entgelterhöhungen"

VW-Personalvorstand Peter Hartz kündigte am Montag wie erwartet in Wolfsburg an, mit der Forderung einer "Nullrunde" in die Verhandlungen zu einem neuen Haustarifvertrag für die rund 103.000 Beschäftigten der sechs westdeutschen Werke zu gehen. "Es besteht kein Spielraum für Entgelterhöhungen", sagte Hartz bei der Vorstellung eines Sieben-Punkte-Programms, mit dem der Konzern seine Personalkosten in den Werken bis zum Jahr 2011 um 30 Prozent senken möchte. Dies wären nach VW-Angaben gut zwei Mrd. Euro. Die geforderte Nullrunde für die Beschäftigten solle für den Zeitraum von zwei Jahren gelten.

Die IG Metall will dagegen in den Mitte September beginnenden Gesprächen Einkommenserhöhungen von vier Prozent durchsetzen. Zudem fordert die Gewerkschaft eine zehnjährige Bestandsgarantie für alle nach dem VW-Haustarif bezahlten Arbeitsplätze. Dies war von Wirtschaftsexperten bereits als "abwegig" und "unverantwortlich" kritisiert worden, VW lehnte dies am Montag ebenso ab. Die Gewerkschaft will verhindern, dass der Konzern angesichts der aktuellen Krise Personal im Inland abbaut und Arbeitsplätze nach Osteuropa verlagert. Die Standards des VW-Haustarifs liegen mehr als 20 Prozent über dem Niveau der übrigen Metallindustrie, konzernweit hat Volkswagen in Deutschland gut 176.000 Beschäftigte.

Verschärfter Druck auf Autobranche prognostiziert

"Wir können die Augen nicht vor der weltweiten Konkurrenzsituation verschließen", erläuterte Hartz den Sparwillen des Wolfsburger Unternehmens. "Vor allem der europäische Automobilmarkt enttäuscht. Insbesondere auch in Deutschland zeichnet sich nach drei Jahren Stagnation noch immer keine Belebung ab", fügte Hartz - der Architekt der Arbeitsmarktreformen der Bundesregierung - hinzu. Nach Einschätzung von VW werde sich der Druck auf die Erträge durch Preiskämpfe in der Autobranche bis zum Jahr 2011 nochmals verschärfen.

Volkswagen will der IG Metall in den Verhandlungen vorschlagen, das Vergütungssystem mit derzeit 22 Entgeltstufen und mehr als 4.000 Tätigkeitsbeschreibungen deutlich auf zwölf Stufen zu reduzieren. Zudem solle der variable, erfolgsabhängige Anteil am Gesamteinkommen der Beschäftigten auf 30 Prozent steigen. Generell sollten die Beschäftigten flexibler arbeiten. Der Konzern wolle ein demographisches Arbeitszeitmodell, erläuterte Hartz. In jungen Jahren sollten die Beschäftigten mehr arbeiten und die auf Konten gutgeschriebene Arbeitszeit dann im Alter durch mehr Freizeit abbauen. Auch sollen sich einzelne Standorte im internen Wettbewerb um Ausschreibungen freiwillig dazu verpflichten können, bei Bedarf temporär längere Arbeitszeiten in Kauf zu nehmen als "Gegenleistung für Einmal-Investitionen".

Wegen der schwachen Autokonjunktur und des nach Worten von VW-Chef Bernd Pischetsrieder miserablen Geschäftsverlaufs im ersten Halbjahr hat Volkswagen unlängst seine Gewinnprognose für 2004 drastisch gesenkt. Statt der ursprünglich angepeilten 2,5 Mrd. Euro rechnet der Konzern nur noch mit einem operativen Ergebnis vor Sondereinflüssen von nur noch 1,9 Mrd. Euro. Mit einem bereits laufenden Programm will VW in diesem Jahr mehr als eine Milliarde und im nächsten Jahr gut drei Mrd. Euro einsparen.

Gewerkschaft unterstreicht Konfliktbereitschaft

Derweil hat die Gewerkschaft IG Metall hat wenige Wochen vor Beginn der Lohnverhandlungen ihre Konfliktbereitschaft unterstrichen. "Falls der Vorstand bei seinen überzogenen Forderungen bleibt, wird es eine sehr konfliktträchtige Tarifrunde, auf die wir aber hervorragend vorbereitet sind", sagte IG-Metall-Bezirkschef Hartmut Meine, der zugleich Verhandlungsführer der Gewerkschaft ist, am Montag.

Meine kritisierte vor allem, dass Volkswagen nicht zu der von der IG Metall geforderten Arbeitsplatzgarantie bereit sei. Die Gewerkschaft wolle in den Verhandlungen mit VW "austesten", inwieweit das Unternehmen zu einer "nachhaltigen und überprüfbaren Bestandsgarantie" für die 103.000 Arbeitsplätze in den westdeutschen Werken bereit sei. Bisher habe man aus den Forderungen von Personalvorstand Peter Hartz nur "vage Sprechblasen" gehört.

Bestandsgarantie gefordert

Hartz hatte zuvor Forderungen des Unternehmens für die am 15. September beginnenden Tarifverhandlungen präsentiert. Dabei sprach er von einer "freiwilligen Selbstverpflichtung", zu der das Unternehmen bereit sei, um die Arbeitsplätze im Inland zu erhalten. Dazu solle ein umfangreiches Konzept beitragen, durch das die Arbeitskosten im Inland bis 2011 um gut zwei Mrd. Euro gesenkt werden sollen.

Meine sagte, es werde in den Verhandlungen viel davon abhängen, ob VW den Bestand der Arbeitsplätze garantiere. Die von dem Autobauer auf zwei Jahre geforderte Nullrunde bei den Löhnen und Gehältern bezeichnete Niedersachsens IG-Metall-Chef als "völlig unrealistisch". Die IG Metall verlangt eine Anhebung der Einkommen bei VW um vier Prozent. (APA/Reuters)

Share if you care.