Kohl ist nicht gleich Kohl

15. September 2004, 14:51
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Für das heutige Web ist ein Wort einfach eine Datenmenge - das "semantische Web" soll Ergebnisse in Bruchteilen von Sekunden liefern

Sagen wir, Google ist wie ein eifriges Kind, das auf Nennung eines Wortes mit allem daherkommt, wo das Wort draufsteht. Nun stellen wir uns vor, dass dieses Kind wächst, ein guter Student wird, genau zuhören und unterscheiden lernt, eine komplizierte Frage von uns versteht und daraufhin in eine Bibliothek geht, um das richtige Buch oder die passenden Zeitschriften für uns herauszuholen, und zwar genau so schnell wie als Google-Kid, also in Bruchteilen von Sekunden: Das wäre eines Tages das semantische Web.

Konzept

Noch vor knapp fünf Jahren war diese intelligente Erweiterung des Web nicht viel mehr als ein Gedankenprojekt von Netzpionieren wie WWW-Erfinder Tim Berners-Lee. Es basierte bereits auf einer definierten Internettechnik, dem Resource Description Framework RDF, das unterschiedlichste Daten zusammenführen kann. Und es sollte laut Berners-Lee frühere Fehler von Wissensrepräsentations-systemen vermeiden. Sein Fahrplan sah die Entwicklung einer Metasprache vor, die von Maschinen eindeutig verstanden und bearbeitet werden kann, statt dass sich Computer wie bisher mit den sprachlichen Eingaben der Benutzer herumschlagen müssen, ohne sie in einem eindeutigen Kontext zu sehen. Technisch gesprochen, braucht man daher genaue Zuordnungen von Bedeutungen, Bezeichnungen (sema, griechisch für Zeichen): Daten über Daten, Metadaten. Es muss klar sein, ob "Kohl" ein Familienname, ein Unternehmen oder ein Gemüse ist (Google ist es egal).

Basis

Mittlerweile sind schon viele haltbare Knoten für dieses erweiterte Gewebe geknüpft worden. In ihm bewegen sich alle Mitspieler, die an einem unkomplizierten Austausch von bedeutungsvollen Daten interessiert sind. Sie haben eine gemeinsame Sprache - die Extensible Markup Language XML (siehe Wissen) - und so unterschiedliche Ziele, wie sie auch bisher im Web verfolgt wurden. Das deutsche Forschungsministerium etwa fördert ein von Wirtschaft und Wissenschaft initiiertes Projekt, dass den normalsprachlichen Umgang mit dem Computer als Auskunftei ermöglichen soll. "SmartWeb" möchte die ersten Anwendungen von Berners-Lees Vision realisieren, DaimlerChrysler und Siemens sind ebenso dabei wie fünf Uni-Institute und das Kompetenzzentrum Semantisches Web (CCSW) am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

Pläne

Die Bewältigung durchaus komplexer Probleme und Anfragen ist ebenfalls vorgesehen. Wobei, wie Thomas Eiter von der Knowledge-Based Systems Group KBS an der TU Wien kürzlich betonte, wir von einem "intelligenten Web noch weit entfernt" sind. Diese Distanz zu verkürzen ist der Auftrag eines von der EU und der Schweiz geförderten Network of Excellence namens REWERSE, an dem 27 europäische Forschungsorganisationen beteiligt sind, für Österreich eben KBS. Ziel ist es, "räsonierende" Sprachen für fortgeschrittene Netzanwender zu entwickeln, zu testen - sie auf ein Niveau zu bringen, das vom Konsortium des Web (W3C) standardisiert werden kann. Und - the medium is the message - REWERSE will im Verlauf seiner Arbeit selber zu einem auf Webbasis funktionierenden virtuellen Forschungszentrum werden, laut Website dem "weltweit führenden".

Wichtig für Tourismus

In Österreich widmet sich das Infrastrukturministerium BMVIT im Rahmen seines Impulsprogramms FIT-IT neben zwei anderen Schwerpunkten der Förderung von "Semantischen Systemen und Diensten". Forscher und Unternehmen sollen an Projekten kooperieren, die zu Prototypen führen und sich mittelfristig auf dem Markt behaupten können. Gerade ist die Einreichungsfrist für eine Vier-Millionen-Förderung abgelaufen.

"Zwei Drittel der Projekte", weiß FIT-IT-Mann Erich Prem, "beschäftigen sich mit Ontologie, mit dem Problem, das Existierende zu verstehen: Wie kann man diese Prozesse an alle (Web-)Neuerungen anpassen?" - genau das Know-how, das etwa Artificial-Intelligence-Forscherin Silvia Miksch, wissenschaftliche Leiterin des Researchstudios Smart Agent, in ihrer Arbeit anwenden will. Der Rest der Ansuchen befasst sich vor allem mit praktischen Webservices. "Das ist ein bissl die Königsdisziplin: die Unterstützung einer individuellen Suche im Netz. So etwas ist zum Beispiel im Tourismus wichtig." Im September wird über die Projekte entschieden.

Führend

Zu den führenden österreichischen Forschungsgruppen im Bereich Semantisches Web zählen laut Prem und Miksch das Team von Georg Gottlob an der TU Wien (siehe unten stehenden Beitrag) und das Innsbrucker Institut für Informatik unter Dieter Fensel. Der Sozial- und Computerwissenschafter Fensel leitet auch das Digital Enterprise Research Institute in Galway, Irland. In der Partnerschaft zwischen DERI, Innsbruck und Hewlett-Packard sehen Beobachter einen sehr konkreten, transnationalen Schritt zur Realisierung dessen, was Berners-Lee seinerzeit skizziert hat. (Michael Freund / DER STANDARD Printausgabe, 23.08.2004)

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