Symphonisches Geburtstagsfest

8. September 2004, 15:07
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Georges Prêtre mit den Philharmonikern

Salzburg - Am Samstagmittag konnte man im Großen Festspielhaus Zeuge einer Begebenheit werden, die man getrost als Meuterei der Wiener Philharmoniker bezeichnen könnte. Als Georges Prêtre am Ende nach der finalen ekstatischen Verzückung der Symphonie fantastique von Hector Berlioz den frenetischen Publikumsjubel auf das Orchester umleiten wollte und dieses aufforderte sich zu erheben, gehorchte es einfach nicht.

Vielmehr ließ es sich nicht nehmen, dem großen französischen Dirigenten ihrerseits herzlichen Beifall zu zollen. Dann trat aber auch schon Philharmoniker-Obrist Clemens Hellsberg auf den Plan und erklärte diese Rebellion als eine friedliche: Prêtres, sei samstags zuvor "viermal 20 Jahre alt" geworden, und diese beiden Matineen, deren zweite vom ORF übertragen wurde, seien als Festkonzerte zu seinen Ehren gedacht.

Tannhäuser-Musik

Zur Feier seines Viermalzwanzigers hatten die königlichen Demokraten auch noch die Barkarole aus Offenbachs Hoffmanns Erzählungen auf Lager, zu deren Leitung sie den illustren Gast nochmals ans (weil er alles auswändig dirigierte, gar nicht vorhandene) Pult baten. Als Prêtre vor Einsatz des geläufigen Themas im Chor der ersten Violinen mit der rechten Hand über dem Herzen um Innigkeit bat, mochte diese Geste vielleicht für das ganze Konzert gelten.

Vor allem die am Beginn stehende Tannhäuser-Musik (Ouvertüre und Bacchanale) wirkte recht wenig wie eine betäubende Klangfahrt durch das mythische Rotlichtmilieu. Dazu werkten die Philharmoniker, von der Vorabendaufführung der Toter Stadt emotional wohl noch etwas erschöpft, doch zu sehr mit einer eher an die Atmosphäre eines Fitnessclubs erinnernden somatischen Akkuratesse. Was auch der Symphonie fantastique (ausgenommen Ballszene und Finale) ungewohnte Sachlichkeit verlieh.

Da war die in Bremen beheimatete Deutsche Kammerphilharmonie unter Paavo Järvi schon mit mehr innerem Feuer unterwegs. Wohl hat es nicht ausgereicht, Korngolds - bei allem Respekt - recht wenig geglückte Symphonische Serenade für Streichorchester zur Erfolgsfähigkeit auszudonnern. Sie zählt zu jenen Werken, mit denen der US-Emigrant nach dem Krieg in Wien leider vergeblich wieder Fuß zu fassen versuchte. Mit ihren Wechseln zwischen durch komplexe Strukturen bedingten Uneingängigkeit und blasser Melodik erfüllt sie weder die durch Korngolds Frühwerk gehegten Erwartungen spontaner Gefälligkeit, noch die stilistischen Kriterien der Moderne.

Bewusst dosiert

Solchen hält Beethovens 8. Symphonie schon eher stand. In der atemberaubenden Wiedergabe durch diese technisch bravourösen Bremer Stadtmusikanten merkte man während des Allegrettos und während des Menuetts plötzlich, was für ein eleganter Prokofjew und was für ein Geist sprühender Strawinsky dieser taube Großmeister der Wiener Klassik schon gewesen ist. Natürlich muss man dazu die rhythmischen Wechsel, die dynamischen Grimassen und die thematischen Volten so wach, spontan und auch mit so viel bewusster Dosierung vorgeführt bekommen wie durch Järvi und sein Orchester.

Dass es auch für Auslotungen kompositorischer Tiefen gut ist, bewiesen sie mit Beethoven 3. Klavierkonzert. Dabei fungierte neben dem Dirigenten vor allem der genialische finnische Klaviermaniak Olli Mustonen als überragender Cicerone, dessen virtuosen und gestisch wirksam untermauerten Feststellungen begreiflicher Weise auf Zustimmung stießen. (Peter Vujica/DER STANDARD, Printausgabe, 23.8.2004)

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