Kolportiert: Grasser will Weltbank-Direktor als neuen Chef im Wifo

8. September 2004, 13:57
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Leitl: Kramer-Nachfolge wird international ausgeschrieben

Eigentlich hätte der langjährige Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes, Helmut Kramer, der heuer seinen 65er feierte, per Jahresende in Pension gehen sollen und wollen. Der allseits anerkannte Spitzenökonom hatte dies selbst Wifo-Verwaltungsratspräsident Christoph Leitl vorgeschlagen.

Da die Nachfolgefrage heikel, weil politisch umstritten ist, wurde Kramer nun gebeten, ein, zwei Jahre anzuhängen, bis ein allseits akzeptierter Kandidat gefunden ist. Einzig der Vertreter des Finanzministeriums im sozialpartnerschaftlich besetzten Wifo-Verwaltungsrat sprach sich auf Geheiß seines Chefs gegen diesen Plan aus. Finanzminister Karl-Heinz Grasser will, dass Kramer wie geplant seinen Hut nimmt.

Haider-Bekannter

In Stellung gebracht habe sich nämlich der gebürtige Grazer Robert Holzmann, Direktor bei der Weltbank in Washington, zuständig für Fragen der sozialen Sicherheit, insbesondere der Pensionsproblematik. Holzmann war seinerzeit bereits sogar als Nachfolger von Grasser im Gespräch, jedenfalls ist er ein langjähriger Bekannter von Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider und wird dem blauen Lager zugerechnet. Holzmann und vor allem auch dessen Frau wollen zurück nach Österreich, heißt es.

"Der ist schon sehr am Drücker", erzählt ein Wifo-Insider. Beworben habe sich Holzmann auch am DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) in Berlin. Dort habe ihm seine Haider-Nähe aber letztlich die Bewerbung vermasselt, wird hinter vorgehaltener Hand erzählt.

Die Liste möglicher Gegenkandidaten - sollten sich diese bewerben - ist überschaubar. Kolportiert wird, dass Friedrich Schneider, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz, der derzeit aussichtsreichste Kandidat des schwarzen Lagers sei und in der Gunst von Leitl steht.

Kein eigener roter Kandidat

Das rote Reichsdrittel fährt nach Einschätzung von Beobachtern eher auf der "Holzmann-Verhinderungsschiene" und habe "keinen wirklich eigenen Kandidaten". Gegen Kramers Stellvertreter, den langjährigen Wifo-Industrieexperten Karl Aiginger, für den Job des Wifo-Chefs der logische Karrierehöhepunkt wäre, spricht, dass er im Institut relativ unbeliebt und aus der ÖVP ausgetreten ist.

Gegen den Leiter des Wifo-Konkurrenten Institut für Höhere Studien (IHS), Bernhard Felderer, spricht sein Alter. Felderer, im Nebenjob Professor in Köln, ist 63. Für Felderer spricht seine Regierungsnähe und - falls dies wieder Thema wird - der seinerzeitige Plan, Wifo und IHS zusammenzulegen.

Wifo- und Wirtschaftskammerpräsident Leitl will von den Spekulationen an der Gerüchtebörse nichts wissen. "Ich verbürge mich, dass jeder Namen, den sie nennen, so zufällig ist, als ob sie im Wiener Telefonbuch zufällig eine Seite aufschlagen und einen Namen herauspicken", sagte Leitl zum STANDARD.

Ausschreibung

Garantieren soll dies eine internationale Ausschreibung, die im September oder Oktober hinausgehen soll. Kramer soll überdies bei seiner Nachfolgerwahl ein Wort mitreden dürfen. Der Einfluss des Finanzministers auf die Entscheidung ist aber allseits akzeptiert. Frei nach dem Motto, wer zahlt schafft an, werden daher Holzmann die besten Chancen eingeräumt, sollte er sich bewerben.

Auch in der Neubesetzung des Notenbankdirektoriums hat Grasser seinen Kandidaten und seinerzeitigen Kabinettsökonomen Josef Christl gegen Widerstand aus der ÖVP durchgedrückt.

Zu den Finanzen: Das Finanzministerium ist mit rund einem Drittel der größte Geldgeber des Wifo. Dahinter folgen die Nationalbank und weit abgeschlagen die Sozialpartner. Leitl betont jedenfalls im Vorfeld, er wolle das Wifo weiterhin "freihalten von Einflüssen" und die "Unabhängigkeit stärken". (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.8.2004)

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