John Kerry und die "Operation Anti-Bounce"

2. September 2004, 11:44
posten

Präsident Bush spaltet die Amerikaner, aber nutzt den Kampf gegen den Terror, der alle wieder eint - eine Analyse

Am Sonntag, den 1. August 2004, suchten John Kerrys Wahlhelfer irgendwo bei Bowling Green, Ohio, eine sichere Telefonleitung für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten. "Operation Anti-Bounce" hatte in Washington begonnen.

Generalstabsmäßig vorbereitet, zersägte die US-Regierung Kerrys ersten Wahlkampfsonntag nach dem Parteitag der Demokraten, der traditionell einen Schub in den Meinungsumfragen - den "bounce" - bringt. Über die sichere Leitung erhielt Kerry ein Briefing des CIA über eine Terrorwarnung, mit der Sicherheitsminister Tom Ridge nun die Amerikaner aus ihrem Sonntagnachmittag schrecken würde.

Erbitterter Wahlkampf

Kein amerikanischer Wahlkampf seit den Tagen des Republikaners Richard Nixon ist so erbittert und mit so großem Einsatz der Staatsmaschinerie geführt worden wie der, in dem nun George W. Bush und sein Herausforderer John Kerry stehen. Nixon, so wollen Historiker und Publizisten belegen, hintertrieb 1968 die Wahl seines damaligen Gegners Hubert Humphrey durch ein Arrangement mit den Südvietnamesen, das Humphrey als unfähig zur Beendigung des Vietnamkriegs dastehen ließ (der Krieg dauerte nach Nixons Sieg noch weitere sieben Jahre); 1972, während Nixons Wahlkampfs gegen George McGovern, drangen fünf ehemalige CIA-Beamte in das Hauptquartier der Demokraten in Washingtons Watergate-Gebäude ein auf der Suche nach belastendem Material.

McGovern verlor sowieso, Nixon trat im August 1974 zurück. George W. Bush, der heute die Amerikaner spaltet wie nur vor ihm Richard Nixon, hat den Kampf gegen den Terror, der alle wieder eint.

Trumpfkarte Terrorismus

"Jedes Mal, wenn etwas geschieht, das nicht gut ist für Präsident Bush, spielt er seine Trumpfkarte - den Terrorismus", sagt Howard Dean, der wegen Linksabweichung gescheiterte demokratische Präsidentschaftsbewerber. "Sein ganzer Wahlkampf basiert auf der Idee: 'Bei mir seid ihr sicher, deshalb bleibt bei mir, wenn die Zeiten für Amerika schwierig sind', und dann kommt Tom Ridge."

Kein Kapital aus Parteitag gezogen

Es ist immer noch Sonntag, der 1. August, bei Wolf Blitzers CNN on Sunday. Aus allen Fernsehern in den USA quellen Meldungen vom geplanten Anschlag der Al-Kaida auf Wall Street und Weltbank, und die Terrorampel der Regierung mit den verschiedenen Warnstufen steht auf Orange, dem zweithöchsten Niveau. John Kerrys "bounce" aus dem Parteitag in Boston ist auf unleserliche plus eins bis vier Prozent in den Meinungsumfragen verschwommen. Gallup gibt gar fünf Prozent Gewinn für Amtsinhaber Bush an. Eine bemerkenswerte Woche beginnt.

Festnahme in Pakistan

Vertreter der Geheimdienste blättern zunächst einige Hintergründe der neuen Terrorwarnung auf, der detailliertesten seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Die Festnahme eines jungen Computerspezialisten in Pakistan steht im Mittelpunkt. "Dokumentarische Beweise" seien nach der Verhaftung des 25-jährigen Muhammed Naeem Noor Khan aufgetaucht, der Einbruch in das Kommunikationssystem von Al-Kaida gelungen. Auf Festplatten waren die bereits ausgespähten Ziele neuer Anschläge gespeichert - die New Yorker Börse, das Citigroup-Center in Manhattan, die Gebäude von Weltbank und Internationaler Währungsfonds in Washington, Prudential Financial in Newark. Wer wollte die Gefahr kleinreden?

Bei mir seid ihr sicher

In einem Wahlkampf gibt es Dinge, die man kontrollieren kann, und Dinge, die nicht kontrollierbar sind", sagt Ted Devine, einer von Kerrys Wahlberatern in der New York Times. "Man muss so viel Zeit wie nur menschlich möglich verbringen, um sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die man kontrollieren kann. Aber wir sitzen hier nicht den ganzen Tag herum und reden darüber, welche Farbe die Terrorwarnung jetzt hat." Doch noch am ersten Tag von "Orange" hat George W. Bush im Garten des Weißen Hauses eine wichtige Mitteilung zu machen. Der Präsident übernimmt eine der Empfehlungen der 9/11-Kommission und wird einen Koordinator für alle Geheimdienste berufen. Bei mir seid ihr sicher.

Zum Teil einige Wochen alte "News"

Andererseits sind die Dinge auch doch nicht so klar. Da sind zunächst die Festnahmen der Al-Kaida-Männer in Pakistan, die zum Teil schon Wochen zurückliegen: Khan, der Computerspezialist, wurde am 13. Juli in Lahore gefasst; Mussad Aruchi, der die pakistanischen Ermittler erst zu Khan brachte, am 12. Juni in Karatschi; Ahmed Khalfan Ghailani schließlich wurde am 25. Juli festgenommen nach einer 18 Stunden dauernden Schießerei in Gujarat.

Auf den Tansanier hatte Washington eine Prämie von 29 Millionen Dollar ausgesetzt, er gilt als einer der Beteiligten an den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam im August 1998. Zwei Dutzend höherrangige Al-Kaida-Mitglieder nehmen die pakistanischen Sicherheitskräfte insgesamt fest. Für die Enthüllung der Anschlagspläne sucht sich die US-Regierung dennoch das Ende des Parteitags der Demokraten in Boston aus, als der gerade gekürte Kandidat John Kerry und sein zweiter Mann, John Edwards, zum Sprung in die Talkshows ansetzen.

Aufgedeckt wurde ein Maulwurf

Eine zweite Unsicherheit über die Terrorwahlkämpfer in Washington kommt dazu. Das Beweismaterial ist zum Teil drei bis vier Jahre alt. "Was wir aufgedeckt haben, ist eine Operation zum Sammeln von Informationen, nicht der Start eines Angriffs", stellt ein Regierungsvertreter richtig. Doch die anonymen Stichwortgeber der amerikanischen Presse haben noch etwas ganz anderes aufgedeckt, wie sich eine Woche nach der Terrorwarnung herausstellt: Muhammed Noor Khan war für kurze Zeit ein "Maulwurf" der Pakistani und der CIA, ein Doppelagent, der nach seiner Festnahme mit den Ermittlern zusammenarbeitete und weiter mit dem Terrornetzwerk kommunizierte - bis die Regierung seinen Namen herausplapperte. (DER STANDARD, Printausgabe 21./22.8.2004)

Von Markus Bernath
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die "Most wanted Terrorists", publiziert in einer Zeitung in Islamabad am 18. August.

Share if you care.