"Wer einen Fehler macht, fliegt"

28. September 2004, 19:35
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Das Casting bei der ProSieben-Show "Hire or Fire" treibt die Teilnehmer an ihre Belastbarkeitsgrenze - Ein Bewerber berichtet

Ab Anfang September gilt es, Produzent John de Mol als Creative Director mit stählernen Nerven zu überzeugen. In der Realityshow "hire or fire" vergibt de Mol "den besten Job der Welt". Offiziell aus dem Endemol Konzern ausgeschieden, will der 49-Jährige 2005 wieder eine Firma gründen. Mit dabei soll auch der Gewinner sein, für ein Jahresgehalt von 300.000 Euro.

Von 5200 Bewerbern wurden rund 150 vergangene Woche zum Casting nach Köln geladen, auf eigene Kosten. Einer der Teilnehmer nahm mit dem STANDARD Kontakt auf und schildert seine Erlebnisse, weil vertraglich dazu verpflichtet, anonym:

"John De Mol bekommt hier niemand zu sehen. Die Erstauslese obliegt dem Feldbusch-Manager Alain Midzic. Gemeinsam mit einer Jury muss er die Zahl der Angereisten - überproportional sind Werber aus dem Ruhrpott vertreten - an zwei Tagen und sechs Terminen auf 20 Kandidaten dezimieren.

Drei Qualifikationsrunden sind zu meistern, ausgetragen in den Seminarräumen einer Hotelkette am Rande der Köllner Messe. Praktikantinnen jagen den Unterschriften auf einem sechsseitigen Vertrag, der unter anderem auch die ganzheitliche Rechteübertragung beinhaltet, nach.

Nur auf Geld aus

Jeder Schritt wird aufgezeichnet, das Material zu Promotionzwecken freigegeben. Stufe eins. ‚Wer einen Fehler macht, fliegt!‘ Begleitet in ein Hotelzimmer, bleibt der Teilnehmer alleine vor der Kamera. Dahinter ein Endemol-Redakteur, der Fragen stellt und ignoriert werden will. Sind Sie Egoist? Interessieren Sie sich für Pornos? Sind Sie bei allen beliebt? Geben Sie zu, dass Sie nur auf das Geld aus sind! Was ist der nächste Tabubruch? Was halten Sie von Sperm-Race? Warum passen Sie zu John de Mol? Was denken Sie über Big-Brother-City? Haben Sie Leichen im Keller, die Bild aufdecken könnte? Verschweigen Sie Endemol etwas?

Die Interviews werden gesichtet, antreten zur Verkündung der ersten Rauswürfe. Mit dem Charme eines Türstehers lädt Alain Midzic zum Gehen ein - gewinnendes Lächeln fällt ihm schwer. So ziehen die ersten Verlierer mit gespannten Gesichtszügen ab, ihnen folgt die Formation der Überlebenden auf Zeit. Stufe zwei verspricht ‚Gruppenspiele‘ unter Zeitdruck, beliebtes Accessoire sind Stoppuhren im Dalli-Click-Format.

Stoppuhr läuft

Möglichst unpassend zusammengewürfelt, steht ein kreatives Team vor großen Aufgaben. Gefordert ist die Diskussion über ‚hire or fire‘, die bildliche Charakterdarstellung des Tischnachbarn und der einzigartige Weg, über Nacht zur Headline zu werden. Formatentwicklung für eine Zielgruppe, die groß und schwierig ist. Fünf Minuten plus 60 Sekunden Präsentation. Stoppuhr läuft.

In der Gruppe herrscht nicht eitel Wonne. Midzic, Kamera und Team drehen Runden, lauschen und spähen. Keine Gruppe ohne Verlierer. Einer wird rausgewählt und fliegt - die Kamera hält drauf. Ein Trick. Und wieder verkündet Alain Midzic, wer es diesmal leider nicht geschafft hat. Kamera auf Verlierer, Kamera auf Formation.

Letzte Hürde: Der ärztlich-psychologische Eignungstest

Finale im Tagungsraum, fahles Blaulicht. Allein vor der Jury und Kamera. ‚Verwandeln Sie sich in ein Tier: Schlange, Ratte, Frosch oder Schwein.‘ Verloren auf der Auslegeware scharrend, grunzt ein Schwein um den ‚besten Job der Welt‘. Die größte berufliche Enttäuschung ist gefragt und die Begründung, weshalb der Bewerber zu John de Mol passt. Welches Sendeformat schon im Hirn herumgeistert, will die Jury wissen und sehen, wie gut Schuld in andere Schuhe geschoben werden kann - in 30 Sekunden. Danke.

Vier Stunden sind vorüber, Verständigung folgt. Letzte Hürde ist der ärztlich-psychologische Eignungstest, der nicht aufgezeichnet wird. Ein lieblich' Vorspiel zum Assessment-Container - er verspricht Herausforderungen, die Kandidaten ‚fachlich wie menschlich‘ an den Rand der Belastbarkeit treiben." (prie/DER STANDARD; Printausgabe, 21./22.8.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    John de Mol

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