"Schönen guten Morgen, Bananien!"

8. September 2004, 14:13
5 Postings

Kurier: ÖIAG nicht in der Lage, wirtschaftspolitisch zu denken - WirtschaftsBlatt: "Dilettanten" am Werk

Wien - Keine freundlichen Worte finden Österreichs Zeitungskommentatoren für den geplatzten Deal zum Verkauf der Telekom Austria (TA) an die Swisscom. Kritik üben die Meinungsmacher weniger daran, dass der Deal nun nicht zustande kommt als vielmehr an der Vorgehensweise der Staatsholding ÖIAG und vor allem von Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Der STANDARD sieht auch eine Mitverantwortung von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V), nur die "Kronen Zeitung" beruft sich ausschließlich auf Aussagen Grassers, wonach die Schweizer grundlegende Bedingungen nicht erfüllen hätten können.

"Die Presse" fragt unter dem Titel "Schönen guten Morgen, Bananien!", was von dem nun geplatzten Deal bleibt. Zuerst einmal, so heißt es, "die Vernichtung von 1,2 Milliarden Euro allein gestern durch den Kurssturz der Telekom-Aktie. Zweitens die naive Hoffnung einer ausverkaufsparanoiden Öffentlichkeit, die TA bleibe nun österreichisch". Was jetzt komme, sei der Verkauf der TA über die Börse, und da würden sich "bevorzugt ausländische Telekom-Konzerne bedienen. Zu einem für den Verkäufer (=Republik Österreich) deutlich niedrigeren Preis, und mit weniger Garantien für den Standort Österreich, als die Swisscom zu geben bereit gewesen sei.

Die politische Verantwortung für das Platzen des Deals trägt nach Meinung des "Presse"-Kommentars "einen Namen: Karl-Heinz Grasser. Er hat die Fusion aktiv unterstützt, aber nicht mehr die politische Autorität, sie durchzusetzen. Was noch kein Grund dafür ist, dass er sich jetzt so billig aus der Verantwortung stiehlt, indem er so tut, als wäre das Scheitern in seinem Sinne", schreibt die Zeitung.

"Amateurhafte Vorgangsweise ein veritabler Skandal"

Für die "Salzburger Nachrichten" (SN) ist der politische Druck, der zum Platzen des Telekom/Swisscom-Deals geführt hat, "nur zu verständlich. (...) Die bisherigen Erfahrungen mit Privatisierungen und der Eifer des Herrn Grasser, gedankenlos alle Werte zu verschleudern, lösen naturgemäß Skepsis aus. Da die Parole 'Privatisierung' als Allheilmittel und Totschlagargument eingesetzt wird, sind auch vernünftige, praxisnahe Lösungen schwer zu vertreten". Karl-Heinz Grasser sei "zudem nichts zu peinlich. Der eifrige Betreiber aller Verkaufsaktionen war Donnerstag der erste, der das Scheitern der Kooperation begrüßte. Die Unternehmen sollten dringend vor Dilettanten, Parolendreschern und Opportunisten geschützt werden", schreiben die "SN".

Für die "Kleine Zeitung" ist es gar "ein Segen, dass auch der x-te Anlauf der begehrlichen Swisscom, die immer profitablere Telekom Austria (TA) doch noch zu schlucken, endgültig ins Leere gegangen ist. Die geheim zwischen ehrgeizigen, offenbar auch recht weltfremden ÖIAG-Managern detailreich ausverhandelten Absichten, die Telekom an die staatliche Swisscom zu 'privatisieren', sind der Regierung kurz vor deren Finalisierung wohl zu heiß geworden", schreibt die "Kleine": "Die Strippenzieher des geplatzten Deals in der ÖIAG und aus dem finanzministeriellen Palais in der Wiener Himmelpfortgasse" seien "selbst daran schuld. Ihre Verkaufsmethoden sind wirklich himmelschreiend."

Auch für den "Kurier" braucht die "Telekom Austria keinen strategischen Partner, das Unternehmen braucht Kapital. Dieses Kapital kann es sich über die Börse auch holen. Die Watsch'n, die sich die ÖIAG mit den Swisscom-Gesprächen einhandelte, tut freilich der Telekom Austria weh: Die Aktie stürzte ab, die Mitarbeiter wurden verunsichert, und das alles ohne Not. (...) Diese ÖIAG ist nicht in der Lage, wirtschaftspolitisch zu denken, auch der Industriestandort Österreich spielt in den Überlegungen keine Rolle. Dazu ist sie aber gesetzlich verpflichtet. Es wäre daher besser, wenn die ÖIAG von jemandem geleitet wird, der diese Voraussetzungen mitbringt", meint der "Kurier".

Und das "WirtschaftsBlatt" schreibt: "Gestern noch war an dieser Stelle die Rede davon, dass bei diesem vermeintlichen Deal 'Dilettanten' am Werk seien - und sogleich haben die Betroffenen freundlicherweise den Wahrheitsbeweis angetreten: Die völlig unerwartete APA-Sensationsmeldung um 12.55 Uhr, dass die ÖIAG die Gespräche mit Swisscom ergebnislos abbreche, hat eine endlose Story beendet, die in Wahrheit ein Armutszeichen für Österreich ist. Die amateurhafte Vorgangsweise, deren sich der letztlich verantwortliche Finanzminister Karl-Heinz Grasser oder die hoch bezahlten ÖIAG-Vorstände Michaelis und Wieltsch auch diesmal bedient haben, sind ein veritabler Skandal." (APA)

Share if you care.