Bellini konzertant - Ein einträglicher Unfug

8. September 2004, 15:05
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Anna Netrebko und "I Capuleti e i Montecchi" füllten das Große Festspielhaus bis auf den letzten Platz

Salzburg - Zugegeben, konzertante Opernaufführungen erfreuen sich bei Veranstaltern und Publikum steigender Beliebtheit. Ersparen sich Erstere bei einem solchen Unterfangen die Kosten einer szenischen Produktion, können sich Letztere ihrer ersehnten Ohrwürmer ohne jegliche, durch inszenatorische Blödheiten verursachte Belästigungen erfreuen.

Das ändert jedoch nichts am grundsätzlichen Tatbestand des dramaturgischen Unfugs und der schweren interpretatorischen Unterschlagung, der bei jeder dieser gewaltsamen Verwandlungen einer Oper zum Oratorium gegeben ist. Werden doch jene - sehr beträchtlichen - Teile der Musik, in denen Aktionen nicht nur angedeutet, sondern auch als deren Begleitmusik fungieren, zu sinnloser Statik gefesselt, die den Zuhörer letztlich ebenso verwirrt wie die nur in szenischer Auflösung verständlichen Wiederholungen und Verschränkungen einiger Textteile.

Deutungsressourcen

Vielleicht sollten die Festspielgranden auf die im Team der Programmheftredaktion lesbar reichlich vorhandenen dramaturgischen Ressourcen zurückgreifen, die sie von derlei veranstalterischen Plattitüden vielleicht abhalten können. Denn Salzburger Festspielniveau wird gegenwärtig hauptsächlich in den schreiberisch und inhaltlich gleich kompetent gestalteten Programmbroschüren geliefert.

So war auch die konzertante Aufführung der von Vincenzo Bellini zu Beginn des Jahres 1830 in kaum acht Wochen husch, husch hin- und zum Teil von seinen früheren Werken abgeschriebenen Oper "I Capuleti e i Montecchi", ein auf Shakespeares "Romeo and Juliet" und einige italienische Textquellen zurückgehendes Werk, auch nicht mehr als eine Dame ohne Unterleib. Und dies, obwohl alle, die das Große Festspielhaus am Mittwoch bis auf den letzten Platz zahlungsfreudig füllten, in der Hauptsache wohl einfach hören wollten, wie schön die schöne Anna Netrebko die Partie der Giulietta auch wirklich singt.

Gesangsschönheiten

Man kann nur sagen, die Dame ist den hohen Eintritt wert. Denn das Schöne an ihr ist, dass sie ihr zu recht gerühmtes Äußere in keinem Augenblick zur Steigerung des Erfolgs instrumentalisiert. Das hat sie nicht nötig, Letzteren ersingt sie sich.

An erster Stelle ist da wohl ihre auch in den heikelsten freien Einsätzen sichere Musikalität und ihre nicht minder mit somnambuler Unbeirrbarkeit funktionierende Technik zu rühmen. Aber auch die Bruchlosigkeit ihres Timbres, dessen fülliger Charakter nie seine obertonreiche Identität verliert. Auch nicht beim waghalsigsten Extremgekletter über die gefährlichsten Koloraturen, obwohl diese nicht unbedingt Netrebkos ureigenstes Terrain zu sein scheinen.

Umso größere Anerkennung verdient der hohe Grad an fühlbarer dramatischer Innigkeit, mit der sie ihren Part aufzuladen vermochte. An dramatischer, musikalisch ebenfalls überwiegend bravourös kontrastreich eingebrachter Intensität stand ihr Daniela Barcellona als Romeo in nichts nach.

Als sie jedoch den Trank des Giftes gestisch andeutete, wurde das ganze blamable Elend eines solchen Abends augenfällig.

Mit dem Tenor Joseph Calleja als Tebaldo, dem Bariton Dan Dumitrescu als Capello und dem Bass Chester Batton als Lorenzo markierte der Rest der Aufführung seriöse Qualität. Unter der etwas hektisch-aufgeregt wirkenden Leitung von Ivor Bolton wurde diese auch vom Mozarteum-Orchester und dem wie eine Schar von Pelikanen auf dem Podium auf- und abwatschelnden Herren des Wiener Staatsopernchores markiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 8. 2004)

Von Peter Vujica
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    Anna Netrebko in Salzburg

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