Windkraft-Produktion mehr als verdreifacht

19. September 2004, 18:40
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E-Control: Anstieg der Fördersummen bedeutet enorme Kosten für Stromkunden - Brennstoff Biomasse muss billiger werden, sonst droht nach Förderung Anlagenstillstand

Wien - Den Boom beim Windkraft-Ausbau in Österreich spüren die Stromkunden nun auch massiv in ihren Geldbörsen. Im ersten Halbjahr wurden dreieinhalb Mal so viel Windkraftmengen erzeugt und mit Förderungen vergütet wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dies geht aus neuen Ökostrom-Daten der E-Control hervor.

466 Gigawattstunden

Demnach wurden aus Windkraft heuer bis Juni 466 Gigawattstunden (GWh) erzeugt, um 255 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das Unterstützungsvolumen, das dafür nötig war, kletterte um 224 Prozent von 6,6 auf 21,4 Mio. Euro.

Neben diesen Förderkosten, die die Stromkonsumenten an die Windkraftbetreiber zahlen mussten, kamen - wegen der schlechten Prognostizierbarkeit von Windstrom - noch weitere rund fünf Mio. Euro an Ausgleichsenergiekosten, die ebenfalls über die Öko-Förderbeiträge aufzubringen sind. "Auch wenn einige Gruppierungen das nicht gerne hören: Das sind enorme Summen, die die Stromkonsumenten da zu bezahlen haben", sagte E-Control-Geschäftsführer Walter Boltz im Gespräch mit der APA. Mit durchschnittlich 7,8 Cent/kWh koste Windkraft mehr als das Doppelte wie konventionelle Stromerzeugung. Für die nächsten Jahre sei mit einem reduzierten Windkraft-Wachstum zu rechnen, da geeignete Standorte schon weitgehend genutzt seien.

Kleinwasserkraft-Anstieg "sehr positiv"

Als sehr positiv an der Ökostrombilanz des 1. Halbjahres bezeichnete Boltz den Anstieg der Kleinwasserkraftmengen von 1.780 auf 2.000 GWh. Nach dem Trockenjahr 2003 komme es hier heuer wieder zu einem starken Anstieg, und es beginne das Unterstützungsprogramm des Ökostromgesetzes zu greifen. Dies sei besonders erfreulich, "denn immerhin hat die Wasserkrafterzeugung die beste Erzeugungscharakteristik. Sie ist gut prognostizierbar, hat hohe Ausnutzungsgrade und ist speicherbar", so Boltz. Trotz höherer Mengen verringerte sich das Unterstützungsvolumen für Kleinwasserkraft im 1. Halbjahr um mehr als ein Fünftel von 39,2 auf 30,5 Mio. Euro.

Auch Stromerzeugung aus Biomasse nimmt zu

Aus Biomasse wuchsen die erzeugten Strommengen ebenfalls deutlich, und zwar von 67 auf 166 GWh (oder 166 Mio. kWh) im 1. Halbjahr 2004. Davon stammten etwa drei Viertel aus fester Biomasse sowie ein Viertel aus Biogas und nur geringe Mengen aus flüssiger Biomasse. Das Fördervolumen erhöhte sich von 4,5 auf 12,2 Mio. Euro. Für 2005 und 2006 erwartet Boltz eine weitere starke Zunahme, das bereits mehrere Großprojekte - wie das Biomasseheizkraftwerk Wien - entschieden sind, die bis Mitte 2006 fertig gestellt werden.

Biomasse und Biogas als Brennstoffe müssten aber künftig wesentlich kostengünstiger angeboten werden, so Boltz. Nur dann bestehe eine realistische Chance, dass diese Energieträger auch mittel- und langfristig einen relevanten Beitrag zur Stromerzeugung leisten können: "Bei den jetzigen Kostenstrukturen kostet der Brennstoff Biomasse und Biogas allein schon mehr als doppelt so viel wie für den erzeugten Strom ohne Förderung erlöst werden könnte."

Nach Förderjahren droht Stilllegung

Ohne Preisdämpfung drohe nach Ende der Förderung nach 13 - künftig 10 - Jahren eine umgehende Stilllegung dieser Anlagen, was aber nicht Ziel einer nachhaltigen Entwicklung sein könne. Hier sei der Biomasse-Markt gefordert: Sollte es zu keinen Kostenminderungen kommen, "dann sollte man sich ernsthaft überlegen, ob nicht von einer Stromerzeugung aus diesem Energieträger abzuraten ist". Verbessert werden könne die Kostenstruktur auch durch gleichzeitige Abwärme-Nutzung.

Die gesamte Ökostrom-Menge in Österreich erhöhte sich im 1. Halbjahr um ein Drittel von 2.018 auf 2.683 GWh. Davon entfielen mit 676 (240) GWh um 181 Prozent mehr auf "sonstige Ökoanlagen" (Wind, Biomasse, Biogas und in geringem Ausmaß Photovoltaik und Geothermie), der Rest auf Kleinwasserkraft. Das Subventionsvolumen wuchs insgesamt um 28 Prozent auf 69,4 (54,4) Mio. Euro, geht aus den vorläufigen E-Control-Daten hervor, denen die Meldungen der Öko-Bilanzgruppenverantwortlichen zu Grunde liegen.

"Geplante Reform erlaubt weiteren Ausbau"

Das Ökostromgesetz-Ziel, bis 2008 mindestens vier Prozent Strom aus sonstigen Ökostromanlagen zu erzeugen, werde trotz der kommenden Novelle leicht erreicht, bekennt sich Boltz zu der von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) geplanten Reform. Diese sieht ab Anfang 2005 u.a. eine Deckelung und degressives Absinken der Ökostrom-Subventionen sowie eine Verkürzung des Förderzeitraums von 13 auf 10 Jahre vor.

"Novelle schafft Anreize"

Bereits 2007 werde Österreich - allein durch die Effekte der jetzt gültige Einspeisetarife - etwa 3 Prozent aus Windkraft und 2 Prozent aus Biomasse erzeugen, hält Boltz Kritikern der Novellierung entgegen. Daher müsse man sich "gut überlegen", wie künftig zusätzliche Geldmittel vergeben werden. Die Novelle schaffe endlich Anreize zur Entwicklung wirtschaftlicherer Ökostromerzeugungen.

Dennoch könne auch künftig ein verstärkter Ökostromausbau erfolgen - bis 2010 solle der Anteil auf 6 Prozent des prognostizierten Strombedarfs wachsen. Ohne Novelle drohe dagegen ein abruptes Ende des Ausbaus, da die Ziele mit der jetzigen Einspeisetarif-Verordnung schon erreicht und der Kostenrahmen bereits überschritten sei.

"Positive Erfahrungen" mit Ausschreibungen

Das von Umweltverbänden und Ökostromerzeugern kritisierte Ausschreibungsmodell, das künftig die Förderung der effizientesten Anlagen sicherstellen soll, verteidigt Boltz. Mit Ausschreibungen gebe es europaweit und auch in Österreich positive Erfahrungen, etwa mit Windkraft-Förderungen durch die Kommunalkredit über Programme des Umweltministeriums. Dabei seien ebenfalls Anlagen mit möglichst geringer Unterstützung pro erzeugter kWh bevorzugt worden.

Auch in Oberösterreich seien Ökostrom-Anlagen ausgeschrieben worden, jedoch nicht so einfach und transparent wie nun geplant. Auch Irland schreibe seit 1994 aus. Seither seien dort Anlagen für rund 1.100 MW gefördert worden, davon fast 900 MW Windkraft. Freilich sei die Ökostrom-Förderung dort mit durchschnittlich 1,64 Cent/kWh deutlich billiger, gegenüber rund 4,5 Cent/kWh in Österreich allein für Windkraft. Auch in Großbritannien, Frankreich und Belgien gebe es Ausschreibungen, teils kombiniert mit Einspeisetarifsystemen.

"50 Millionen Euro Überförderung"

Hätte Österreich bereits seit in Kraft treten des Ökostromgesetzes Anfang 2003 mit einem Ausschreibungssystem gearbeitet, dann hätte man die offensichtlich gegebene "Überförderung" der Windkraftanlagen vermeiden können. Damit spricht Boltz die Tatsache an, dass Windkraft-Investoren der Jahre 2003 und 2004 zusätzlich zu den Einspeisetarifen noch an der Investitionszusatzprämie des Finanzministers im Rahmen eines Konjunkturbelebungsprogrammes mitnaschen, die etwa 10 Prozent der Investitionskosten ausmacht.

Es bestehe die einheitliche Einschätzung aller damit Befassten, dass zumindest diese Investitionszusatzprämie eine Überförderung darstelle. Als die Einspeisetarif-Verordnung erlassen wurde, sei dieser Betrag nämlich noch nicht bekannt gewesen. Über ein Ausschreibungssystem hätte dieser Kostenvorteil weiter gegeben werden müssen. Laut Boltz geht es bei 500 MW immerhin um eine Überförderung von rund 50 Mio. Euro allein für die Windkraftinvestitionen 2003 und 2004. Mit dem gleichen Fördergeld hätte via Ausschreibungssystem mindestens 10 Prozent mehr Ökostrom erzeugt werden können.

Hoher Förderungsanteil "auf Dauer nicht tragbar"

Klar sei, dass Ökostrom künftig billiger werden müsse, damit er einen substanziellen Beitrag zur Gesamtstromerzeugung leisten könne und die Unterstützung gesichert finanziert werden könne. Derzeit seien bei Wind 65 Prozent Förderungsanteil im Tarif enthalten, bei Biomasse 79 Prozent, bei Biogas 77 Prozent und bei Photovoltaik sogar 95 Prozent. "Das ist auf Dauer einfach nicht tragbar", so Boltz.

In der Novelle würden die für die Finanzierung nötigen Zuschläge auf den Strompreis bis 2010 festgeschrieben. Die gesamte Kostenbelastung aus Zuschlägen und fixem Verrechnungspreis steige für Ökostrom von 0,30 Cent/kWh im Jahr 2005 auf 0,39 Cent/kWh im Jahr 2010. Samt Kleinwasserkraft und KWK steige die Kostenbelastung von 0,54 auf 0,57 Cent/kWh. Damit seien die Kosten für die Unterstützung von Ökostrom in Zukunft "überschau- und finanzierbar". (APA)

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    Mit durchschnittlich 7,8 Cent/kWh koste Windkraft mehr als das Doppelte wie konventionelle Stromerzeugung, berichtete E-Control-Geschäftsführer Walter Boltz.

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