Schüssel zog die Notbremse: TA-Verkauf geplatzt - Börsengang geplant

8. September 2004, 14:11
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Fusionsgespräche von Telekom Austria und der Swisscom gescheitert - Aktie stürzte am Donnerstag um 20 Prozent ab

Nach einem veritablen Aufstand von Spitzenrepräsentanten des ÖVP-Wirtschaftsflügels und heftigen Querschüssen des Koalitionspartners FPÖ hat Bundeskanzler Wolfgang Schüssel den Verkauf der Telekom Austria an die schweizerische Swisscom gestoppt. Finanzminister Karl-Heinz Grasser und die auf sein Geheiß tätige "entpolitisierte" Verstaatlichten-Holding ÖIAG reagierten prompt und brachen die nunmehr seit zweieinhalb Monaten laufenden Verhandlungen mit den Schweizern am Donnerstagmorgen ab. "Schüssel zog den Stöpsel raus", bestätigte ein Insider dem Standard.

1,2 Mrd. vernichtet

Die Aktie der Telekom Austria verlor daraufhin am Donnerstag knapp 20 Prozent und musste zwischendurch sogar vom Handel ausgesetzt werden. Konkret sackte der Aktienkurs nach der ÖIAG-Mitteilung, dass die Gespräche "ohne Ergebnis" abgebrochen wurden, von 14,00 Euro (um 12.54 Uhr) auf 11,60 Euro nach der vorübergehenden Handelsaussetzung (um 16.05 Uhr) ab. Dadurch verringerte sich der Marktwert der Telekom um 1,2 Mrd. Euro auf 5,8 Mrd. Euro. Die Titel schlossen am Donnerstag um 19,49 Prozent tiefer bei 11,40 Euro.

Am Freitag tendierten die Aktien um 1,32 Prozent fester bei 11,55 Euro.

Die Aktien der Swisscom stiegen im Handelsverlauf, schlossen dann aber unverändert zum Vortageskurs von 409 Franken.

Die Reaktionen fielen erwartungsgemäß aus, nur Grasser überraschte mit seiner Aussage, er begrüße den Abbruch der Gespräche, weil "grundlegende österreichische Bedingungen" nicht hätten erfüllt werden können. Überraschend insofern, als Grasser den Deal quasi im Alleingang durchpeitschen wollte und dies erst kürzlich mit seinem Schweizer Amtskollegen Hans-Rudolf Merz besprochen hatte. Überraschend vor allem aber auch deshalb, weil sich der ÖIAG- Vorstand am Donnerstagnachmittag wortreich bemühte, die angepeilte Fusionskonstruktion als perfekte Lösung für beide Unternehmen und quasi unterschriftsreif darzustellen.

95 Prozent unserer Hausaufgaben gemacht

Bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz bestätigten die ÖIAG-Vorstände Peter Michaelis und Rainer Wieltsch sowie ÖIAG-Präsident Alfred Heinzel und Telekom-Boss Heinz Sundt, dass der Abbruch der Verhandlungen von österreichischer Seite ausging. Heinzel sagte: "Wir hatten 95 Prozent unserer Hausaufgaben gemacht." Sundt ergänzte: "Manchmal ist es so im Leben, dass die letzten fünf Prozent die schwierigsten sind."

Die weitere Vorgangsweise der ÖIAG ist damit klar und wurde auch offiziell bestätigt. Der bereits früher ins Auge gefasste zweite Börsengang mit 17 Prozent der Telekom-Aktien hat nun wieder Priorität. Ein anderer Käufer der Telekom als die Swisscom ist auch weit und breit nicht in Sicht. Der Zeitpunkt der Börsentransaktion ist freilich völlig offen und angesichts der nunmehrigen Talfahrt der Aktie auch nicht in naher Zukunft zu erwarten.

Haider: "Bank-Austria-Schicksal"

Hintergrund ist, dass laut ÖVP-FPÖ-Regierungsprogramm der Telekomkonzern noch in dieser Legislaturperiode zu 100 Prozent zu privatisieren ist. Gerade aber die "Privatisierung" der Telekom an die mehrheitlich im Besitz des Schweizer Bundes stehende Swisscom hatte zuletzt die Wogen hochgehen lassen. Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider (FPÖ) befürchtete bei der Telekom ein "Bank- Austria-Schicksal" und wies seine Regierungsmannschaft an, einem Verkauf keinesfalls zuzustimmen. Die größte Bank des Landes war seinerzeit an die Münchner HypoVereinsbank verkauft worden, fungiert nun als mehr oder weniger machtlose Österreich- und Osteuropa-Filiale, darf aber regelmäßig die Bilanz des HVB-Konzerns mit ihren Ergebnissen auffetten.

Wäre der Deal mit den Schweizern zustande gekommen, wäre der nach Marktkapitalisierung siebentgrößte Telekomkonzern Europas entstanden. Die ÖIAG-Vorstände und Sundt strichen insbesondere die Fantasie einer gemeinsamen Wachstums- und Expansionsstrategie hervor. "Aber dieser Zug ist nun abgefahren", sagte Heinzel.

Eine für Sonntag geplante ÖIAG-Sonderaufsichtsratssitzung ist damit hinfällig. Ebenso die angedrohten Streiks der Belegschaftsvertretung, die den Verlust Tausender Arbeitsplätze befürchtet hatte. (APA, Michael Bachner, Luise Ungerboeck, Der Standard, Printausgabe, 20.08.2004)

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    Die Zusammenführung der Telekom Austria AG mit der Swisscom ist wieder vom Tisch.

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