Kathedralen für den Wein

12. Mai 2005, 10:46
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Im Rioja sind Wein und moderne Architektur eine besondere Symbiose eingegangen

Angeregt durch eine Tradition, in der Alltag und spirituelle Tiefe eine Einheit bilden, gefördert von baskischem Selbstbewusstsein und verwirklicht von mutigen Bauherren.

Was uns in erster Linie hierher bringt - in der Besichtigungstour, die uns durch die weiten, hohen Hallen führt und vom Werden des Rioja in den Tausenden Eichenfässern informiert, findet es keine Erwähnung. Ist es die über Generationen verinnerlichte Selbstverständlichkeit, mit der hier Kunst und Spiritualität - und dazu gehört auch das "Machen" des Weines - als Bestandteil des Lebens empfunden werden? Ist es Understatement? Koketterie? Wir kommen nicht dahinter. Was die Wirkung des Ortes vermutlich noch verstärkt.

Mitten aus den Weingärten war es plötzlich aufgetaucht, das Wellendach der Bodegas Ysios nahe der Stadt Laguardia in der Baskenprovinz Alava. Entworfen von dem spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava. Von den Bauherren der Weinkellereien Iverus, zu denen Ysios gehört, dazu bestimmt, die besten Riojas des neuen Jahrtausends heranreifen zu lassen.

Kathedralen des Weines werden sie genannt, die weihevollen riesigen Räume, in denen die Barriquefässer bei konstanter Temperatur lagern, bis der Inhalt in Flaschen gefüllt werden kann. Sechzehn Monate sind es bei der "Reserva" von Ysios, vier mehr, als für diese Kategorie vorgeschrieben, wie man mit Stolz vermerkt.

In der Bodega El Fabulista direkt im Zentrum von Laguardia erklärt Eusebio Santamaria die verschiedenen Qualitätsstufen des Rioja. Er tut es mit der Begeisterung dessen, der dem Wein zuliebe den Beruf gewechselt hat und nun als ehemaliger Kraftfahrer seiner eigentlichen Berufung frönt. In dieser Bodega wird der Wein noch ohne modernen technischen Aufwand, sondern weit gehend in Handarbeit gemacht. Was eigentlich Fußarbeit ist: In einem tief in den Boden eingelassenen Bottich werden die Trauben vor dem Pressen getreten.

Was sich Rioja DOC nennen darf (und nur das ist echter Rioja), seien in der Provinz Alava zehn Prozent der Gesamtmenge einer Ernte, erzählt Eusebio Santamaria. Der Rest wird schon bei der Vorverkostung der Proben durch die Aufsichtsbehörde ausgeschieden. Was die erste Qualitätskontrolle passiert, teilt sich in vier Kategorien auf: Cosecha (Erntewein ohne Holzausbau); Crianza (drei Jahre im Keller, davon ein Jahr Barrique); Reserva (vier Jahre Keller, davon ein Jahr Barrique und drei auf Flasche); und schließlich die Gran Reserva (fünf Jahre Keller, davon zwei in Barrique und drei auf Flasche). Hauptrebensorte ist der Tempranillo. Dazu kommen Graciano, Mazuelo, Cabernet Sauvignon und Merlot.

Dass der riojanische Genius auch etwas mit dem Jakobsweg zu tun hat, der hier in der Nähe verläuft, ist eine unbewiesene, wenngleich nahe liegende Annahme. Was dieser Genius auch heute noch in Bewegung setzen kann, ist ein paar Kilometer von Laguardia entfernt zu besichtigen. In Elciego entsteht auf dem Gelände der Bodega Marqués de Riscal, des ältesten Weingutes im Rioja, eine Herberge der besonderen Art: ein Hotel mit 14 exklusiven Suiten, Restaurant, Museum, Degustationsräume. Geschätzte Kosten: 30 Millionen Euro. Architekt: Frank Gehry.

Der Erbauer des Guggenheim-Museums in Bilbao entschied sich bei einer Flasche Rioja leichten Herzens, wie man erzählt, für seinen zweiten Coup im Baskenland. Es war nicht irgendeine Bouteille: Jahrgang 1929, Gehrys Geburtsjahr.

In den Kellern der Bodega Marqués de Riscal lagern sämtliche Jahrgänge seit der ersten Ernte 1862. Wird eine alte Flasche geöffnet, dann nicht durch Entfernen des Korkens, sondern durch Köpfen mittels "degollador": Eine glühende Zange wird 30 Sekunden um den Flaschenhals gelegt, die Stelle dann mit kaltem Wasser bepinselt - und der Hals springt ab.

Ob es die Zeremonie oder der Flascheninhalt war, was Gehry mehr begeisterte - das künftige Hauptquartier der Bodega ist jedenfalls eine Apotheose des Weines. Mit den teils ins Land hinausragenden Trakten erinnert es an einen Weinstock mit seinen Reben. Die dominierenden Materalien sind Sandstein und Titan. Die Farben symbolisieren eine Flasche Rioja Reserva: Rot für den Wein, Silber für die Kapsel, Gold für das Netz.

Ab Frühjahr 2005 soll das Ergebnis zu besichtigen sein, wenn der Zeitplan hält. Aber auch mit der Baustelle lohnt die Bodega einen Besuch, der wiederum einen reizvollen Vergleich ermöglicht: In Vitoria, der Hauptstadt sowohl von Alava als auch der gesamten autonomen Baskenregion (baskischer Name Gasteiz, bedeutet "Der Turm von hier"), wird derzeit die Kathedrale restauriert. Der Untergrund ist vollständig freigelegt, über einen Besuchersteg lässt sich die ganze Virtuosität der Konstruktion erfassen. Fertig sollen die Arbeiten in etwa zehn Jahren sein. Frank Gehrys glitzernde Weinkathedrale wird dann wohl schon etwas Patina angesetzt haben. (Der Standard/rondo/20/08/2004)


Von Josef Kirchengast

Info

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Turespaña Wien/OET Viena Walfischg.8/14, A-1010 Wien; viena@tourspain.es
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Hotel El Peregrino in Puenta La Reina (am Jakobsweg) relaischateaux.com

www.byb.es

marquesderiscal.com

bodega
elfabulista.com

riojalavesa.com

www.larioja.org
  • Das prägnante Wellendach der Bodegas Ysios, entworfen von Santiago Calatrava
    www.byb.es

    Das prägnante Wellendach der Bodegas Ysios, entworfen von Santiago Calatrava

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