Schröder steht im Keller

1. September 2004, 10:28
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Auch der deutsche Kanzler war mal Vorbild für eine Figur aus einer der ältesten Schau­fensterpuppenfabriken. Jetzt bastelt man sich neue Anzugträger

Sie warten regungslos im halbdunklen Keller. In einsamer Schönheit erstarrt. Mit zart geschwungenen Lippen und perfekt modellierten Körpern. Menschenhafte Wesen, mit Staub bedeckt, die Augen blicken leer. Manche von ihnen haben Hände oder ganze Beine verloren. In Kartons gestapelt findet man diese in einer Ecke wieder. Als hätte einer sie fanatisch abgehackt.

Es ist eine bezaubernde und zugleich verstörende Welt, die man im Kölner Süden entdecken kann, wenn man das Innere der wohl ältesten noch bestehenden Schaufensterpuppenfabrik Europas entdeckt. Dr. Josef Moch führt den Betrieb seines Großvaters fort. "Er war ein Tüftler", sagt der Enkel, ein kleiner freundlicher Mann mit leiser Stimme, die bei Ärger überraschend laut werden kann. Moch ist Chemiker und hat seine Karriere in der Industrie für das traditionsreiche Familienunternehmen aufgegeben. Es war das Jahr 1907, als sein Großvater in einem kleinen Atelier mit der Fertigung von Modepuppen aus Gips und Wachs begann und die Geschichte ihren Anfang nahm.

Die Schaufensterpuppen von heute sind aus Kunststoff und werden industriell hergestellt. Josef Moch lässt im Ausland produzieren, in China und Taiwan, was anderes als industrielle Produktion kann er sich finanziell nicht mehr erlauben. Doch die Kreativität ist in der kleinen Zentrale in Köln-Rodenkirchen zu Hause. 15 Menschen arbeiten hier. In dem schmalen weißen Gebäude werden Figuren entworfen und Prototypen gefertigt. Das geschieht im Werkstattkeller, der also angefüllt ist mit neuen und ausrangierten Menschenfiguren, ihren abgetrennten Händen, Beinen, Köpfen.

Es riecht nach Farbe - frisch lackierte Arme und Beine baumeln im Nebenraum von Halterungen herab. An einem großen Tisch steht der junge irakische Bildhauer Twana Kushnau und hält mit der linken Hand einen kleinen Männerkopf aus dunkelgrauem Lehm. Mit der rechten Hand streicht Kushnau ihm sanft über die Haare. Ein Schaufenstermann in der Entstehungsphase. "Ich modelliere ihm eine neue Frisur", erklärt sein Schöpfer, "jung und sportlich soll er aussehen."

Josef Moch spricht von den "süßlichen Knaben", die heute in Mode seien. Smarte Pop- und Rockjungs. "Schaufensterfiguren sind ein Spiegelbild ihrer Zeit", sagt er. In der Kulturgeschichte seiner Puppen kennt er sich gut aus. Sie funktionieren seit den 50er-Jahren nicht mehr nur als Kleiderträger, sondern sind wesentliches Stilelement - das natürlich den Verkauf fördern soll. Oft dienen Prominente als Vorbild für die lebensgroßen Puppen. Meist erfolgreiche Schauspieler. "Es waren Personen, zu denen man aufblicken konnte", sagt Josef Moch. So ähnelte die Schaufensterpuppe der 30er-Jahre der göttlichen Greta Garbo oder dem smarten Herzog von Windsor. In den 50er-Jahren kamen Brigitte Bardot und Elvis Presley in Mode, aber auch comicartige Optimisten und vor allem dickliche Puppen. Heute ist Letzteres kaum noch vorstellbar. Moch: "Das waren Wohlstandsfiguren." Eben passend zu den prallen Wirtschaftswunderzeiten. Ganz mager kam in den 60er-Jahren Twiggy daher und beeinflusste so das Aussehen der Schaufenstermenschen. "Mehr Experimente waren dann in den 70er-Jahren möglich", sagt der Firmenchef. Die Gesichter seien übertrieben lang gewesen. Die Herren schlaksig. Moch nennt diesen Trend Gotisierung und runzelt die Stirn: "Ich finde da nichts Schönes dran."

Gewiefter ging es den 80er-Jahren zu. Man erinnere sich an die Serie "Denver-Clan" - bald sahen auch die Puppen auffälliger aus und blickten leicht provozierend. Das Biest Joan Collins lässt grüßen. "Eine Figur verkaufte sich damals umso besser, je abweisender sie war", erzählt Moch. In den 90er-Jahren kam dann die "neue Natürlichkeit" à la Juliette Binoche in die Schaufenster. Und was ist heute in Mode außer den "süßlichen Knaben"? Mit Prominenten scheint es vorbei zu sein. Laut Firmenchef Moch ist sowohl die Vornehmheit wie auch die Subkultur gefragt. Und bei Letzterer siegt die Frechheit. Die Figuren blicken hämisch. Dazu passen kobaltblaue und orangefarbene Haare. Doch manchmal müssen die Puppen von heute auch kopflos für Kleidung werben. Weil es eben gefällt. Und das führt dann dazu, dass Josef Moch viele Köpfe übrig hat, weil er nur die Körper verkauft. An denen kann man sowieso gut studieren, dass die Gesichter uns Menschen gar nicht aus dem Gesicht geschnitten sind: Die Nasen sind kleiner, die Lippen größer. Damit angeblich mehr Schönheit vorhanden ist. "In der Werbung will jeder betrogen werden", sagt Moch und lächelt.

Auch der Kanzler musste schon als Vorbild herhalten

4000 Puppen stellt das Kölner Unternehmen jährlich her, verkauft wird in die ganze Welt. Dazu gehören natürlich Bekleidungsgeschäfte, aber auch Film- und Theaterproduktionen. Josef Moch schwärmt von "Tristan und Isolde". Bisweilen geht es aber eklig zu: wenn zum Beispiel ein Foltermuseum Wesen mit Blutergüssen und blauen Flecken bestellt. Das freut dann wieder Joanna Urbanowicz, die die Figuren von Hand lackiert: "Endlich mal nichts Schönes."

Der Standardpreis für eine Puppe beträgt 590 Euro. Spezialanfertigungen kosten bis zu 3000 Euro. Auch der Kanzler musste schon als Vorbild für eine Kleiderpuppe herhalten - liegt's am viel zitierten Showcharakter der Politszene? "Dieser Mann hat Luxus verkörpert", erklärt Josef Moch und erinnert an den legendären Auftritt Schröders im feinen Brioni-Anzug. Doch diese Zeiten sind bekanntlich längst vorbei. Und die Puppe steht im Keller. (DERSTANDARD/rondo/Annette Zellner/20/08/04)

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