Eine Salzburger Dvorák-Belehrung

8. September 2004, 15:05
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Liedmarathon mit Thomas Hampson

Wie Österreichs Gazetten auf ihren Gesellschaftsseiten fast täglich berichten, herrscht in Salzburg ausgelassene Jedermann-Stimmung. Jeder sich bietende Anlass ist da recht zum Feiern. Und wäre es kein anderer als der ja wirklich nicht sonderlich aufregende kalendarische Tatbestand, dass Anton Dvorák seit 100 Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Da die Salzburger Konzertdramaturgie auch nicht sonderlich lebendig scheint, ist es an sich durchaus begrüßenswert, wenn ein Könner wie Thomas Hampson voll Enthusiasmus als Supplent einspringt. Dass idealistische Enthusiasten mitunter des Guten auch zu viel tun können, muss man in solchen Fällen schon in Kauf nehmen.

So wehte vorgestern wohl etwas vom Geist der Olympischen Spiele durchs Kleine Festspielhaus, wo Hampson sein gut vierstündiges Dvorák-Marathon abhielt. Weil aber nicht jeder im Publikum die Kondition eines Markus Rogan oder einer Claudia Heill besitzt, war es nicht weiter verwunderlich, dass sich nicht wenige nach der zweiten Pause auf Französisch verabschiedeten.

Lieder sind zerbrechliche Wesen - nicht ganz Musik und auch nicht ganz Sprache und gerade deshalb Herzenssprache. Deshalb fordern sie vom Interpreten wie vom Zuhörer nicht nur Konzentration, sondern auch sehr viel fast naive Unmittelbarkeit. Und gerade Letztere lässt sich nicht vier Stunden lang erhalten. Besonders dann, wenn die Inhalte immer ernster und anspruchsvoller wurden.

Denn methodisch durchaus kompetent gestaltet, führte das Programm von Dvoráks kompositorischen Anfängen (op. 2 und op. 3) und Beispielen seiner musikalischen Heimatverbundenheit (Mährischen Duette, op. 32, und Zigeunermelodien, op. 55) über Klangdokumente seiner New Yorker Jahre (Spirituals, Lieder amerikanischer Komponisten, darunter Charles Ives), Liedern seines Freundes Grieg und seinen Liebesliedern (op. 83) bis zu den Biblischen Liedern (op. 99), denen die Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms und zwei Lieder aus Gustav Mahlers Liedern aus des Knaben Wunderhorn vorangingen.

Neben der Bewunderung für Wolfram Rieger, den unermüdlich souveränen pianistischen Betreuer dieses Giga-Programmes, vermittelte der Abend freilich auch durchaus Angenehmes. Und dies nicht nur, wenn Meister Hampson himself sich (auf Tschechisch) als ebenso sensibler wie distanziert reflektierender Interpret betätigte. Vor allem lernte man in Georg Zeppenfeld einen Bass kennen, der nach den Ernsten Gesängen von Brahms mit Recht bejubelt wurde. Auch Michelle Breedt lieferte mit ihrem in Technik und Timbre makellosen Mezzo Wiedergaben von eindrucksvoller Intensität, die man bei Barbara Bonneys Sopranbeiträgen weit gehend vermisste.

Dvoráks Requiem

Gegen dieses Endlossingen nimmt sich die kräftig bejubelte meisterliche Aufführung von Dvoráks 100-minütigen Requiem (op. 89) durch die Tschechische Philharmonie und den Prager Philharmonischen Chor unter Gerd Albrecht beinah wie ein Quickie aus. Den Gästen gelang es vorzüglich, die von nervösen kleinräumigen Wechseln zwischen Soli, Chor und Orchester gezeichnete stilistische Modernität dieses Werkes überzeugend zu demonstrieren. Auch wenn von den Solistin nur Piotr Beczalas Tenor und René Papes Bass dem hohen Rang dieser Aufführung standhielten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 8. 2004)

Peter Vujica aus Salzburg
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