"Im zugespitzten Konservativismus liegt nicht die Zukunft der ÖVP"

22. September 2004, 15:11
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Der steirische VP-Clubchef Drexler fordert im STANDARD-Interview mehr Liberalität in seiner Partei

Christopher Drexler, Klubchef der steirischen VP und Initiator der Debatte über die Homosexuellen-Ehe, fordert im Gespräch mit Walter Müller mehr Liberalität in seiner Partei. Die Zukunft der ÖVP hänge davon ab.

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Standard: Wie fühlt man sich, wenn man als bundesweit relativ unbekannter Regionalpolitiker mit einem Schlag ganz Österreich in eine Diskussion verwickelt? Stolz?

Drexler: Nein, stolz bin ich nicht, aber froh darüber, dass es gelungen ist, eine sehr differenziert geführte Debatte zu einer heiklen Thematik zu entfachen. Gerade in der ÖVP ist in den letzten Tagen zum Thema gleichgeschlechtliche Partnerschaften mehr weitergegangen als in den letzten Jahren.

Standard: Ist es tatsächlich so? Kann es nicht sein, dass jetzt eben die liberalen Stimmen in der ÖVP besonders laut sind, während die konservative Mehrheit schweigt und sich letztlich doch durchsetzen wird?

Drexler: Das glaube ich nicht. Es ist in der ÖVP ein Diskussionsprozess in Gang gekommen, und ich denke, es gibt jetzt bei uns die ganz große Chance, bestehende Ressentiments aufzuweichen. Das ist auch wichtig, denn eine Liberalisierung der ÖVP ist eine notwendige Erfolgsvoraussetzung für die Zukunft der Partei. Da gibt es ohnehin Defizite in der ÖVP. Im zugespitzten Konservatismus liegt nicht die Zukunft der ÖVP. Das glauben zwar einige, das ist aber nicht mein Bild der ÖVP. Wir müssen das vorhandene liberal- urbane Potenzial, das etwa in Wien suboptimal ausgeschöpft wird, erreichen. Aber ich bin optimistisch. Ich bin zum Beispiel davon überzeugt, dass, wenn eine Abstimmung im Parlament freigegeben wird, eine Mehrheit - auch in der ÖVP - für eine Gleichstellung votieren wird.

Standard: Innerparteiliche, streng konservative Kritiker meinen, eine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit heterosexuellen komme einer Herabwürdigung der Ehe gleich.

Drexler: Ich kann dieses Argument nicht nachvollziehen. Es ist nicht stichhaltig. Eigentlich ein krauser Gedanke. Warum soll ich gegen die Familien sein, wenn ich für gleichgeschlechtliche Partnerschaften bin?! Ich bin ja auch nicht gegen den Individualverkehr, wenn ich Eisenbahngleise baue. Und das Argument mit der Ehe: Ich habe ganz bewusst nicht das Wort Ehe verwendet. Da bin ich ganz eins mit Bundespräsident Heinz Fischer. Mir geht es um das deutsche Lebenspartnerschaftsgesetz. Es geht um eingetragene Partnerschaften, ob man das Zivilpakt nennt wie die Grünen, oder anders, ist egal. Es geht um klare rechtliche Grundlagen. Was SPÖ und Grüne debattieren, sind Schattengefechte. Die Hauptsache ist aber, dass jetzt Drive in die Sache gekommen ist.

Standard: Es wird Ihnen vorgeworfen, Sie hätten lediglich ein Sommerthema produziert, um von innerparteilichen Problemen in der steirischen ÖVP im Zusammenhang mit der "Causa Estag" abzulenken.

Drexler: Dazu kann ich nur sagen: Hab ich definitiv nicht. Es gibt in der Steiermark eben eine gute Tradition einer offene Debatte. Sollte jemand glauben, dass mit dem Ende des Sommers der normale Parlamentsalltag wieder beginnt, dem sage ich: er hat sich verkalkuliert.

Standard: Wie ist das Schweigen von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel zu werten? Immerhin hat jetzt ja sogar Bundespräsident Heinz Fischer eine sehr deutliche Meinung zum Thema geäußert?

Drexler: Ich gehe davon aus, dass Bundeskanzler Schüssel zu gegebener Zeit Stellung beziehen wird. Vielleicht hat er noch keine Meinung und wartet ab, wie sich die Diskussion in der Partei zu diesem Thema entwickelt. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2004)

Zur Person
Christopher Drexler (33) ist VP-Klubobmann im steirischen Landtag und Vizelandeschef des ÖAAB. Er zählt zur neuen "wilden Garde" in der ÖVP.
  • Christopher Drexler, Debatten-Initiator
    foto: standard

    Christopher Drexler, Debatten-Initiator

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