Polnische Krankenschwester suchen Glück im Westen

9. September 2004, 13:33
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Lukrative Angebote aus Westeuropa und den USA - Experten: "Bald müssen wir Kräfte aus dem Osten holen"

Warschau - Polen droht eine Abwanderungswelle von Krankenschwestern. Ausländische Firmen, zum Beispiel aus Irland und den USA, führen Vorstellungsgespräche mit teilweise über hundert Kandidatinnen. Die regionalen Kammern der Krankenschwestern schlagen Alarm: Sollten die Löhne in polnischen Krankenhäusern nicht steigen, dann wird das Land in Zukunft Pflegekräfte aus Osteuropa aufnehmen müssen.

Beinahe jedes Wochenende berichten die polnischen Lokalzeitungen aus dem ganzen Land über die Sammel-Vorstellungsgespräche. Die jüngste Aktion kommt aus den USA: Allein in Krakau und Warschau meldeten sich 600 polnische Krankenschwester auf die Offerte der Firma CSI, die Pflegepersonal für sechs Krankenhäuser in Atlanta sucht. "Wir denken darüber nach, ob wir nicht eine polnische Berufsschule kaufen und das Personal direkt für den amerikanischen Markt ausbilden sollen", sagt Witold A. Zabinski, Vertreter von CSI in Polen. In den USA würden in den kommenden Jahren zusätzlich etwa 250.000 Krankenschwestern gebraucht, so Zabinski. Einstellungsvoraussetzungen bei CSI seien fünf Jahre Berufserfahrung und Englischkenntnisse. Nach der Einstellung würden die Krankenschwestern zunächst in einem sechsmonatigen Kursus geschult.

Verlockendes Angebot

Die Angebote aus dem Ausland sind für polnische Verhältnisse überaus verlockend. Während sich eine Krankenschwester in Polen mit 200 bis 300 Euro monatlich zufrieden geben muss, verspricht CSI eine Entlohnung von 4.000 Dollar. Ein irisches Unternehmen, das auf den Internet-Seiten regionaler Verbände der Krankenschwestern-Kammer inseriert, bietet eine Anstellung für immerhin 1.500 Euro. Eine englische Firma offeriert an gleicher Stelle 1.400 Euro plus Kost und Logis.

"Schon in zwei bis drei Jahren werden wir Pflegepersonal aus Osteuropa nach Polen holen müssen", prophezeit Tomasz Baran, Vorsitzender des regionalen Verbandes der Krankenschwester-Kammer in Pila bei Posen. In seiner Gegend seien vor allem italienische Firmen aktiv, die Pflegepersonal abwerben. Und die Mehrzahl der Frauen sei bereit, im Ausland zu arbeiten. "Selbst Personen mittleren Alters oder mit Kleinkindern gehen weg", so Baran. Von den Pflegeschülerinnen hätten sich viele schon mit dem Ziel für diesen Beruf entschieden, in der Zukunft im Ausland zu arbeiten. Ihm sei unbegreiflich, dass die polnische Regierung auf dieses Problem nicht reagiere, sagt Baran: "Die Tschechen, die Esten und die Ungarn haben sich immerhin entschlossen, die Entlohnung der Krankenschwestern zu verdoppeln." In Polen erhielten sie im vergangenen Jahr eine Gehaltserhöhung von 203 Zloty, umgerechnet 46 Euro. Im heurigen Mai demonstrierten Krankenschwestern aus dem ganzen Land in Warschau, weil sie ihren Lohn nicht ausbezahlt bekommen.

Wie viele der rund 200.000 polnischen Krankenschwestern sich mit Ausreiseplänen tragen, darüber gibt es keine Informationen. "Wir führen keine Statistiken über dieses Phänomen", so Daniela Krajewska, Pressesprecherin der Obersten Kammer der Krankenschwestern und Hebammen. (APA)

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    Immer mehr polnische Krankenschwestern entscheiden sich für die Auswanderung.

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