"Cannabis ist Alltag"

    19. September 2004, 16:23
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    Bernhard Amann, Vor­sitzender der Kleinpartei "vau-heute", im e-Mail-Interview: "Wahl­gang ähnelt mehr und mehr dem Kirchgang"

    Der Hohenemser Stadtrat, Drogenberater und "Anarchist", Bernhard Amann, versucht mit Unterstützung von bekannten Namen wie Hans-Peter Martin und Christoph Schlingensief mit der Kleinpartei "vau-heute" bei den kommenden Wahlen in den Vorarlberger Landtag einzuziehen. Im e-mail-Interview mit derStandard.at spricht er sich für die Legalisierung von Cannabis aus. Selber sei er jedoch kein Konsument: Ein gemeinsames "In–den-Probenbecher-Pissen" mit Vizekanzler Gorbach habe das bewiesen. Im Ländle nachgefragt hat Rainer Schüller.

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    derStandard.at: Wie wird die Vorarlberger Landtagswahl Ihrer Meinung nach ausgehen - Welche Parteien werden Stimmen gewinnen, welche verlieren?

    Amann: Die Ergebnisse der EU-Wahl aufs Land umgelegt würde bedeuten, dass die Partei der Nichtwähler im Vorarlberger Landtag eine Zweidrittelmehrheit hat. Es sind also nicht mehr die Protestwähler, die die Wahlüberraschungen bringen sondern die Resignationswähler.

    Es ist zweifelsfrei auch ein Wahlverhalten, wenn man nicht wählen geht. Der Wahlgang ähnelt mehr und mehr dem Kirchgang. Ein Ritual zu dem nur mehr die Ministranten kommen. Alle anderen glauben nichts mitbestimmen zu können, nur Zuschauer zu sein. Da zappen sie die Wahl einfach aus ihrem Bewusstsein.

    Wir können in den Landtag einziehen, wenn es uns gelingt wenigstens einem Teil dieser Resignationswähler Hoffnung zu machen, dass sich etwas ändern könnte.

    derStandard.at: Was unterscheidet "vau-heute" von den Grünen?

    Amann: Vieles. Wir haben grundsätzlich gänzlich andere Politikvorstellungen. Wir reduzieren uns nicht auf die Ökologie, und dort wo Ökologie unser Thema ist, nicht auf dieses Gefasel von Nachhaltigkeit als ob es ein Perpetuum Mobile gäbe.

    Wir haben demokratiepolitische Reform-Vorstellungen, während die Grünen ihre alle ad acta gelegt haben. Wir sind für die Abschaffung des Bundesheeres und des Zivildienstes, für eine Friedenspolitik und Neutralität während die Grünen sich für ein österreichisches Söldnerheer im Rahmen der EU stark machen.

    Wir nehmen die Menschen ernst und setzen uns mit ihnen auseinander während die Grünen ständig neue Moralvorschriften von der Qualität "Du darfst den Rasen nicht betreten" oder "Du sollst den Müll säuberlich trennen" entwickeln.

    Die Grünen sind doch nichts mehr als die Fortsetzung der christlichsozialen Gemeinschaftsideologie mit anderen Mitteln: Konservative. Wir nehmen für uns gerade das Gegenteil, Fortschritt und Zukunft in Anspruch. Vielleicht gelingt es damit den Grünen die Stimmen klassischer ÖVP-Mittelstandswähler zu organisieren. Das soll uns recht sein. Eine qualitative Änderung der Politik weg vom Konservativismus und hin in eine Zukunft, das bringen sie so jedenfalls nicht.

    derStandard.at: Sie werden im Wahlkampf auch von den EU-Abgeordneten Hans-Peter Martin und Karin Resetarits unterstützt. Wie kam es dazu?

    Amann: Wir haben einfach gefragt und Hans Peter Martin, Karin Resetarits und der Bregenzer Buchautor Kurt Köpruner haben ihr Kommen zugesagt. Freilich waren wir ihnen schon bei den EU- Wahlen bei der Organisation einer Veranstaltung in Vorarlberg geringfügig auf persönlicher Ebene behilflich. Viele von uns haben auch langjährige Kontakte zu einem oder beiden Vorarlbergern.

    Martins Publikationen wie Nachtschicht, Globalisierungsfalle oder Gesunde Geschäfte stehen doch in einem zweifelsfreien politischen Kontext. Ich erinnere mich noch persönlich wie die Arbeiter jenes Textilbetriebes, in dem er monatelang in der Nachtschicht gearbeitet hatte, ihn selbstbewusst und geschlossen vor den Angriffen der Firmenleitung öffentlich in Schutz nahmen. Sein Engagement war dort nicht Theorie oder eine lyrische Beschreibung der armen Arbeiter und ihrer Arbeitswelt. Er hatte damit ihre Arbeitsbedingungen verbessert, die Löhne erhöht, die Werkswohnungsmieten gesenkt.

    Ich habe mich auch ein bisschen geärgert, dass man seiner Liste vorgeworfen hat, dass sie außer populistischer Privilegienkritik nichts zu bieten habe. Ich weiß aus meiner politischen Arbeit, wie schwer es ist in kurzer Zeit auch nur ein Thema zum Kochen zu bringen, da soll ein Einzelner eine Großküche bedienen?

    derStandard.at: Haben Sie für Ihren Wahlkampf Strategien des Überraschungs-Siegers der EU-Wahlen übernommen? Welche?

    Amann: Grundsätzlich haben wir unsere eigenen Ideen und Strategien. Und unsere Wahlwerbung sieht ja ganz anders aus. Schon die Listenbezeichnung als www.vau-heute.at, das große Informationsangebot, der Mix aus Kultur und Politik bei den Veranstaltungen. Wir haben auch eine Struktur durch vieljährige Arbeit in Initiativen und Organisationen. Wir sind keine Quereinsteiger ins politische Milieu. Aber man lernt ja nie aus. Die Bescheidenheit der Wahlwerbmittel bei der Liste HPM macht uns jedenfalls hoffnungsfroh und bestätigt uns, dass es auch ohne große Kassen gehen kann.

    derStandard.at: Sie wollen auch in Discos auf Stimmenfang gehen. Sehen Sie sich selbst als "Populist"?

    Amann: Populismus sehe ich grundsätzlich nicht negativ. Für die Kritiker des Populismus mit ihren aseptischen Theorievorstellungen ist das ja nur etwas was Rechte dürfen, alle anderen haben Wahlen zu verlieren. Die Forderung nach Cannabislegalisierung ist eigentlich alles andere denn populistisch. Da gäbe es einfachere Formeln und praktischere Leerformeln bei den anderen Parteien abzuschreiben.

    Wir gehen auch nicht in Discos auf Stimmenfang! Das müsste anders ausschauen. Wir haben seit Jahresanfang in allen Städten des Landes Veranstaltungen durchgeführt. Die Besucher unserer Veranstaltunge mussten Eintritt bezahlen. Oft nicht wenig, bei der letzten Veranstaltung 14 Euro. Trotzdem sind die Leute gekommen. Aber unsere Wahlveranstaltungen schauen auch anders aus. Ein Mix aus Kultur, Politik, Kontakt und Unterhaltung. Erst waren wir mit einer Veranstaltung im "Freudenhaus" in Bregenz. Stiller Has trat auf, meine Tochter Milena geigte auf ihrer Violine, Günther Sohm unterhielt mit seiner Harmonika, der Schlingensief–Film wurde gezeigt. Das ist kein Stimmenfang in Discos, kein Populismus. Das schafft auch keine andere Partei Vorarlbergs.

    derStandard.at: Sie verlosen für jedes Abgeordnetenmandat, dass vau-heute erreichen wird, zwei Monatsbezüge (rund 4.259 Euro). Ist dieser finanzielle Wahl-Anreiz nicht ein wenig problematisch?

    Amann: Ganz im Gegenteil. Wir haben keine öffentlichen Gelder für unsere Wahlwerbung. Daher müssen wir uns halt was einfallen lassen, wie man den Menschen die Probleme näher bringt. Es geht um den Abendlandtag. Problematisch ist nicht, dass wir von zu erwartenden 14 Landtagsgehältern für neun Sitzungstage im Jahr das Urlaubs- und Weihnachtsgeld verlosen.

    Problematisch ist, dass alle Parteien es ok finden, dass sie für diese neun Sitzungen soviel Geld bekommen. Wir haben es ausgerechnet: Jedes Wort des redefaulsten Abgeordneten kostete rund 150 Euro. Das ist genau der Betrag den eine bedürftige Familie als Heizkostenzuschuss für das ganze Jahr bekommt.

    Ziel der ganzen Aktion ist auf das Missverhältnis von Bezahlung und Leistung aufmerksam zu machen, den Abendlandtag zu thematisieren. Der Landtag soll seine neun Sitzungen abends abhalten. Das wäre öffentlicher und mit einem angemessenen Sitzungsgeld sparsamer.

    derStandard.at: Ihr Wahlkampf-Film wurde von Skandal-Theater-Regisseur Christoph Schlingensief gemacht. Worum dreht es sich in dem Streifen?

    Amann: Hier geht es um die Unterschiede von www.vau-heute.at zu den traditionellen Parteien. In der realen Politik, so Christoph Schlingensief, sind die Parteien austauschbar und beliebig geworden, ihre Unterschiede hätten bei Talkshows nur noch rhetorischen Charakter. "Bei den großen Parteien gibst Du Dein Stimme ab, und weg ist sie, bei www.vau-heute.at kannst Du Deine Stimme behalten!"

    derStandard.at: Sie treten als Jugendstadtrat und Drogenberater für die Legalisierung von Cannabis ein - Warum?

    Amann: Ich habe in den letzten Dekaden tausende junge Menschen kennen gelernt, denen durch dieses Disziplinierungsgesetz die Zukunft verbaut wurde. Das staatliche Cannabisverbot entspricht nicht der gesellschaftlichen Realität. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich trotz aller Prohibitionsmaßnahmen und unterschiedlicher Verfolgungspraktiken Cannabis neben Alkohol und Nikotin zu einer Droge unseres Kulturkreises entwickelt. Cannabis ist Alltag.

    Diese Entwicklung durch staatliche Verfolgungsbürokratie umkehren zu wollen, ist ein sinnloses Unterfangen, das die Steuerzahlenden jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag kostet und Bürgerinnen und Bürger entmündigt. Es gibt also ganz einfache einsichtige ökonomische und praktische Gründe. Faktisch tut man damit aber auch der Drogenprophylaxe nichts Gutes. Sie verliert so jede Glaubwürdigkeit. Und wenn die Droge Nummer 1 Alkohol heißt, dann verwundert mich die erbitterte Verfolgung von Cannabiskonsumenten während Landeshauptmann Sausgruber und Statthalter Egger in einer Hauptschule den Bieranstich vorführen.

    derStandard.at: Sind Sie selber Cannabis-Konsument?

    Amann: Ich versuche durch Laufen meine körpereigenen Endorphine/Morphins in Schwung zu bringen. Ist doch auch lustvoll, oder? Im übrigen hat schon der heutige Vizekanzler Gorbach mich zum gemeinsamen Drogentest eingeladen. Ein Bild für Götter: Gorbach und ich beim "In–den-Probenbecher-Pissen". Das Ergebnis war vorhersehbar: Negativ!

    Aber in der FPÖ war man schon auf die eigenen Propagandalügen hineingefallen und hatte offenbar ein positives Ergebnis erwartet. Ich kann es mir auch im Interesse meiner Klienten und der vielen Helfer in den Drogenberatungsstellen nicht leisten einen Anlass zur Diffamierung ihrer wertvollen Arbeit zu geben.

    derStandard.at: Sie fordern ein "soziales Nulldefizit". Wie wollen Sie das erreichen? Wer soll das bezahlen?

    Amann: Ein soziales Nulldefizit bedeutet in mannigfacher Hinsicht eine Entlastung des Budgets. Wenn man vernünftig Arbeit und Einkommen sichert wird dies auf Dauer das Budget entlasten. Es gibt aber auch Staatsausgaben, die man auch anders verwenden kann. Mit der Abschaffung des Bundesheeres könnte man die letzte Pensionsreform dreimal finanzieren. Damit wäre viel Geld da für andere wichtigerere Projekte. Wir wollen auch eine Pensionssicherung die mit menschenwürdigen Pensionen eben auch die Arbeit der Jungen für die Zukunft sichert und dass in Gratiskindergärten und Bildung investiert wird.

    Für die Finanzierung bieten sich an: Erstens, die Andersverwendung der Militärausgaben für eine "soziale Landesverteidigung", zweitens die Einbeziehung aller Einkommensarten in den Gesellschaftsvertrag. Drittens stehen die Mittel aus dem Wohnbauförderungsbeitrag zur Verfügung, die jetzt in immer größerem Ausmaß ohnedies nicht mehr in den Wohnbau sondern in das allgemeine Budget fließen. Viertens in der Wiederherstellung der Steuergerechtigkeit: Mehr zur direkten gerechten Besteuerung und weg von indirekten Steuern und Abgaben.

    derStandard.at: Sie gelten als "Anarchist" - Wie lautet Ihr Lieblings-Punk-Rock-Song und was bedeutet dieser für Ihr politisches Wirken bzw. Ihre Lebenseinstellung?

    Amann: "Victory!" von "NoMeansNo". "For every defeat there will be a victory!" Ich glaube das braucht keine Erklärung.

    derStandard.at: Wie lautet Ihr politisches Ziel in einem Satz?

    Amann: Vorarlberg wieder zurück in die Zukunft bringen!

    derStandard.at: Was machen Sie, falls Sie den Einzug in den Landtag nicht schaffen?

    Amann: Dasselbe wie heute. Dasselbe wie wenn wir den Einzug schaffen: Mit Händen und Füßen arbeiten und möglichst nicht dabei auf den Kopf vergessen.

    Zur Person

    Bernhard Amann (geboren am 21. Mai 1954) stammt aus Hohenems. Sein Vater Otto war von 1964 bis 1990 ÖVP-Bürgermeister. Amann machte sich in Vorarlberg einen Namen als Sozialarbeiter und zog 1995 mit einer eigenen Liste ("Die Emsigen") in die Hohenemser Stadtvertretung ein. Seit 2000 ist Amann Hohenemser Jugend-Stadtrat. Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Mit der Kleinpartei vau-heute will er am 19. September den Einzug in den Vorarlberger Landtag schaffen.

    Link

    vau-heute

    • Bernhard Amann mit dem Produzenten seines Wahlwerbefilms, Christoph Schlingensief
      foto: amann

      Bernhard Amann mit dem Produzenten seines Wahlwerbefilms, Christoph Schlingensief

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