Autoren für österreichisches "Nicht-Regelwerk"

3. September 2004, 23:39
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Mehr Selbstbewusstsein in Debatte um Rechtschreibreform gefordert

"Mehr Selbstbewusstsein" der Österreicher in der Debatte um die Rechtschreibreform und eine Förderung des österreichischen Deutschs fordern diejenigen Autoren, die sich in der Vorwoche in einem Aufruf für "Österreichisch als eigene Sprache" und gegen finanzielle Mittel für eine "deutsche Rechtschreibreform" ausgesprochen haben. Marlene Streeruwitz, Robert Schindel, Peter Henisch, Roland Neuwirth, Christian Ide Hintze und der Germanist Rudolf Muhr erläuterten am Mittwoch in Wien ihre - auch zum Teil unterschiedlichen - Ansichten.

"Die Staatssprache ist Österreichisch in einem europäischen Kontext"

Die Autoren hatten in ihrem am Freitag veröffentlichten Aufruf u. a. die Regierung aufgefordert, die Liste der von der EU anerkannten Wörter wie etwa "Eierschwammerl", "Erdäpfel", "Fisolen" "Karfiol" oder "Paradeiser" zu erweitern und "keine weiteren finanziellen Mittel für die 'deutsche Rechtschreibreform' zur Verfügung zu stellen". In der Verfassung wiederum sollte die Formulierung "Die Staatssprache ist Deutsch" durch "Die Staatssprache ist Österreichisch in einem europäischen Kontext" , "Die Staatssprache ist Österreichisches Deutsch ...." oder "Die Staatssprachen sind Deutsch und Österreichisch ..." ersetzt werden.

"Das Kleinteilige gehört zu unserer Identität"

Es soll ein Regelwerk des "Österreichischen" erstellt werden, wurde erläutert. Dieses würde angesichts der großen regionalen Unterschiede im Vokabel-Gebrauch aber ein "Nicht-Regelwerk" sein müssen, sagte Streeruwitz. "Das Kleinteilige gehört zu unserer Identität". Österreichisches Deutsch sei "all das, was es an Deutschem innerhalb der Grenzen Österreichs gibt", so Muhr. Für dieses "Österreichisch" müsste auch "eine neue Rechtschreibung kreiert werden müssen". "Wir tun einen Luftballon steigen lassen", so Schindel, "und wollen, dass ein Prozess ausgelöst wird."

Auf die APA-Nachfrage, was denn das "spezifisch Deutsche" an der Rechtschreibreform sei, meinte Muhr: "Dass sie verhindert wurde". Es gebe in Deutschland keine wirkliche Reformbereitschaft, viele Anläufe seien von konservativen Kräften verhindert worden. Die Rechtschreibreform sei eine "Nichtreform", so Muhr, der auf ursprüngliche Pläne zur konsequenten Kleinschreibung oder Widersprüchlichkeiten in der aktuellen Reform ("nahm" vs. "kam" trotz langem "A" in beiden Wörtern) hinwies. "Deutsch hätte durch die Reform leichter erlernbar werden sollen", betonte Streeruwitz. Doch stünden nach wie vor "große Teile der Bevölkerung", die nicht korrekt schreiben, "im Abseits", so Schindel. "Mit dieser Nichtreform wird Sozialpolitik gemacht", so Muhr.

In der "Rolle des Narren"

Ihren Aufruf meinen sie "schon auch ernst", bekräftigte Schindel auf Nachfrage, und Streeruwitz ergänzte "und auch gar nicht ernst". "Wir haben Anrufe u. a. aus Belgien und Holland bekommen, dass wir das nicht ernst meinen können", so Hintze. Man hätte sich in die "Rolle des Narren" begeben, der sagt, dass der Kaiser nackt ist, so Schindel. Dass von den österreichischen Vokabeln ganze 23 von der EU anerkannt sind, habe ja auch etwas "Skurriles und Witziges", ergänzte Hintze.

österreichische Deutsch im In- und Ausland ernst nehmen

Besonders ernst gemeint sei die Anregung, österreichische Wörter zu sammeln und bei künftigen Rechtschreibreformen nicht mehr mitzumachen, erläuterte Schindel. "Sonst nehmen wir auch nicht alles ganz ernst", so Schindel, während Muhr etwa bei der Forderung nach der Aufnahme von "Österreichisches Deutsch" bzw. "Österreichisch und Deutsch" in die Verfassung keine Andeutung von Ironie erkennen ließ. Auch die australische Verfassung habe einen derartigen Passus. Eine Konsequenz wäre, dass das österreichische Deutsch im In- und Ausland ernst genommen und "nicht immer auch von uns selbst als Dialekt abgetan" würde. Als Beispiel nannte Muhr Einträge im Duden wie "Pensionär", was in Deutschland für Beamte im Ruhestand stehe, in Österreich jedoch, wo jeder Pension bekommt, "falsch" ist. Auch stilistische Markierungen im Duden stoßen Muhr auf, da viele österreichische Begriffe aus der Schriftsprache als "umgangssprachlich" markiert seien.

"Unterscheidbarkeit"

Schindel wandte sich gegen Kritik, dass der Rückgriff auf das Österreichische "rückschrittlich-nationalistisch oder provinziell-engstirnig" sei. In einem Europa der Vielfalt und der Regionen sei es "an der Zeit, sich um das Eigene zu kümmern", so Streeruwitz. Es gehe um "Unterscheidbarkeit", so Neuwirth, der sich gegen "alles, was uns von oben aufgedrückt wird", aussprach und mit Blick auf die nördlichen Sprachgenossen ergänzte: "Wir sind ganz einfach die ältere Nation". Österreichisch sei eine "fast nahezu eigenständige Sprache". Streeruwitz wandte sich auch dagegen, dass Asylwerber in Österreich "deutsches Deutsch lernen und dann Österreichisch sprechen" müssten. (APA)

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