Hier Enthülltes, dort Besorgtes

8. September 2004, 15:05
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Liederabende mit Thomas Hampson und Dmitri Hvorostovsky

Salzburg - Ganz im Gegensatz zu städtischen Veranstaltungstrends sind die Salzburger Festspiele ein Forum für die althergebrachte Disziplin des "Liederabends" geblieben. Schaut man sich deutsche Musiklanden an, dann scheint es gefährlich um diese Sparte bestellt zu sein. In Österreich haben wir die Schubertiade, und in Wien haben die Liedinterpreten immer noch einen hohen Stellenwert. In Salzburg muss man sich auf die Festspiele kaprizieren.

Man wagt dies hier bedauernd, ja jammernd vorauszuschicken unter dem Eindruck eines hinsichtlich literarischer Belehrung, Verständlichkeit und emotionaler Berührung geradezu vorbildlichen Abends mit Thomas Hampson, an dessen Seite der Pianist Wolfram Rieger von Jahr zu Jahr an künstlerischer Eigen- und Duowertigkeit zu gewinnen scheint.

Rieger ist weit über die Rolle eines Zuträgers, eines pianistischen Notenständers hinausgewachsen - er färbt, er formt im Vorfeld, er kümmert sich um Echos und Nachklänge. Und Hampson erzählt im Duktus des schönen, verletzlichen, im Ernstfall unbotmäßigen Singens von all jenen Vorkommnissen, die aus der Perspektive Liszts, Dvoráks, Mahlers und Richard Strauss' zwischen "Rhein"-Legende, "Zigeuner"-Wehmut, "Gesellen"-Schmerz und raffiniert instrumentierter Seelenkünstlichkeit auf visionäre, schlichte, im nächsten Moment erschütternde Weise das wahre Leben enthüllen.

Dmitri Hvorostovsky ist kein vokaler Enthüller, sondern im Vertrauen auf seinen Schmelz ein Gewährsmann des Schönen, selbst wenn es sich - wie bei Mussorgskis Liedern und Tänzen des Todes - um ästhetische Abgründe handelt. Hvrostovsky sorgt sich um die Texte Tschaikowskis, Duparcs und Ravels (Don Quichotte à Dulcinée), doch im Gegensatz zu Hampson besorgt er sie, er gleitet am Sujet und am Hörer liebenswert vorüber, während sein amerikanischer Kollege bis zur Messerschärfe ins hörende Herz bohrt. (coss/DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2004)

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