Kommentar der anderen: Wenn die Milch zur Mlich wird

30. September 2004, 22:49
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Die Gentech-Kampagne von Greenpeace nimmt es nicht sehr genau mit der Wahrheit - Von Albert Karsai

"Gentechnisch) veränderte Lebensmittel können Ihr Leben verändern." In ihrer groß angelegten Anti-Gentech-Kampagne, die sich von Plakatwänden bis hin zu TV-Spots erstreckt, versucht die Umweltschutz-Organisation Greenpeace den Konsumentinnen folgende Botschaft zu vermitteln: Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind gefährlich - ja lebensgefährlich sogar, wie der stilisierte Totenschädel andeutet.

Eine explizite inhaltliche Aussage sucht man hier vergeblich, die Suggestivkraft ist jedoch enorm. Soll die Fantasie der Öffentlichkeit den Mangel an sachlichen Fakten ersetzen? Unter den für die Kampagne herangezogenen Lebensmitteln befindet sich auch die Milch - eigentlich ein unglückliches Beispiel, wenn man bedenkt, dass Milch weder aus einem transgenen Organismus besteht, noch aus einem solchen gewonnen wird.

"Kein wissenschaftlicher Beweis"

Greenpeace meint damit die Milch von Kühen, die mit Futtermitteln aus gentechnisch veränderten Organismen (GVO) gefüttert wurden. Bislang gibt es aber weder einen wissenschaftlichen Beweis noch einen Grund zur Annahme, dass diese Milch in irgendeiner Weise von herkömmlicher Milch verschieden ist.

Signifikant verschieden, genauer gesagt, denn jede Milch zweier unterschiedlicher Tiere unterscheidet sich geringfügig in ihrer Zusammensetzung. "Es gibt keinen Beweis, dass gentechnisch veränderte Futtermittel in Rindern irgendwelche Veränderungen hervorrufen", meint dazu Werner Pfannhauser vom Institut für Lebensmittelchemie und -technologie der TU Graz.

Nicht so genau mit den Fakten

Auch ein direkter Zusammenhang zwischen der Verfütterung von GVO und dem Auffinden von Spuren des GVO in der Milch konnte nicht hergestellt werden, wie Josef Glößl vom Institut für angewandte Genetik und Zellbiologie der Universität für Bodenkultur erklärt: "Wenn DNA aus dem Futter in der Milch zu finden ist, so kommt sie nur über den Futterstaub dorthin."

Eine wissenschaftliche Studie an der Universität für Bodenkultur hat im Vorjahr gezeigt, dass DNA aus dem Futter in der Milch nicht nachweisbar war, außer nach Verunreinigung der Milch mit Futterstaub (Poms et al., 2003). Dass es Greenpeace offenbar nicht immer so genau mit den Fakten nimmt, zeigt die Behauptung der Umweltorganisation, wonach eine Forschergruppe der TU München das Vorhandensein transgener DNA in Milch nachgewiesen hätte - mit dem Hinweis, die Wissenschaftler hätten die Ergebnisse drei Jahre lang geheim gehalten.

Finger verbrannt

In einer Stellungnahme erklärte Prof. Meyer von der TU München, dass die Milchproben von einem privaten Auftraggeber stammten und nicht Teil einer Studie waren. Details zur Probennahme sowie andere relevante Hintergrundinformationen waren nicht bekannt. Die Untersuchungen seien daher nicht als Gutachten verwendbar. Sie dienten jedoch als Anlass für echte wissenschaftliche Studien mit DNA aus Bt-Mais und transgenem Soja, bei denen kein Übergang der transgenen DNA in die Milch oder ins Gewebe gefunden wurde.

Greenpeace hat sich mit der Behauptung, wonach Milch von Kühen, die gentechnisch verändertes Futter gefressen hätten, von herkömmlicher Milch verschieden sei, bereits in Deutschland die Finger verbrannt: Im Juni untersagte das Kölner Landgericht der Organisation die Verwendung des Begriffs "Gen-Milch". Die Unternehmensgruppe Müllermilch, die das Verfahren angestrebt hatte, legte wissenschaftliche Stellungnahmen der Bundesforschungsanstalten für Ernährung sowie für Landwirtschaft vor, in denen eine Veränderung der Milch durch den Einsatz gentechnisch veränderter Futtermittel nicht bestätigt wurde.

Für dumm verkauft

Das Prinzip, unbewiesene Behauptungen in die Welt zu setzen und diese dann - wenn überhaupt - halbherzig zurückzunehmen, ist hinlänglich bekannt. Haben sich diese Behauptungen jedoch erst einmal in das öffentliche Bewusstsein gegraben, verhallen Forderungen nach einer seriösen Auseinandersetzung ungehört. Die aktuelle Greenpeace-Kampagne beweist einmal mehr, dass diese Strategie überaus erfolgreich ist.

Da sich die Aktivitäten von Greenpeace aus Spendengeldern finanzieren, ergibt sich ein ironisches Detail: dass nämlich diejenigen, die diese Kampagne finanzieren, mit für dumm verkauft werden. (DER STANDARD; Printausgabe, 18.8.2004)

Albert Karsai ist Mitarbeiter von "dialog gentechnik". einem unabhängiger Verein mit dem Ziel, den Dialog über Biowissenschaften zu fördern.
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    foto: greenpeace
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