Buchtipp: Leben? Oder Theater?

4. Oktober 2004, 13:33
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Das gigantische Werk der von den Nazis ermordeten deutschen Künstlerin Charlotte Salomon liegt in Katalogform vor

"Heben Sie das gut auf, c'est toute ma vie! – Das ist mein ganzes Leben!". Mit diesen Worten übergibt die damals 25-jährige Charlotte Salomon kurz vor ihrer Ermordung in Auschwitz ihr Werk "Leben? Oder Theater?" einem Freund. Damit wird ihre in der Geschichte der Kunst einmalige Arbeit gerettet: eine Autobiografie in 769 Gouachen, die mit den dazugehörenden Begleittexten, Vorstudien und nichtverwendeten Kompositionen über 1300 Blätter umfasst.

Die geniale Künstlerin, 1917 in Berlin geboren, musste 1939 nach Frankreich emigrieren und begann, konfrontiert mit der für sie bedrohlicher werdenden politischen Situation, die Arbeit an "Leben? Oder Theater?". An ihrem Lebensbericht hatte die junge Malerin 18 Monate gearbeitet. Nahezu jedes Bild wurde mit einem Text versehen – zunächst beschriftete sie Transparentblätter, die sie über die Zeichnungen legte, später schrieb sie direkt auf die Motive. Die Dialoge und Schilderungen ihres Theaterstückes sollten zu Musik gesprochen und gesungen werden.

Mehr als eine Dokumentation

Eine Dokumentation dieses Kunstwerkes kann ich jetzt in meinen Händen halten und was für eine Schöne noch dazu. Eigentlich ist es ein Ausstellungskatalog, aber ich weiß für mich wird es eines meiner wichtigsten Bücher sein. Die Biografie im Katalog ist im Zusammenhang mit den wichtigsten politischen und persönlichen Daten ihrer Zeit verknüpft und stellt Charlotte Salomon somit in einen historischen und (jüdisch-) kulturellen Kontext.

Diese Bilder sind nicht nur die Lebensgeschichte einer faszinierenden Künstlerin, sondern sie erinnern in ihrer intensiven Farblichkeit an Frida Kahlo und in ihren Figuren an die feministische, zeitgenössische Kunst, wie zum Beispiel an die Kurzfilme von Maria Lassnig. Die Bildserie ist genau konzipiert. Sie gab allen ProtagonistInnen andere Namen. Sie erzählt die Geschichte ihrer Mädchenzeit, der Liebe ihrer Eltern, vom traurigen Selbstmord der Mutter, von Begegnungen mit der faszinierenden und geliebten Stiefmutter und schließlich die Liebesgeschichte zu dem viel älteren Wolfsohn.

Thematisierung von Tabus

Die Bilder und Texte sind von ungewöhnlicher Offenheit. Salomon thematisiert – auch jüdische - Tabus: Suizid, unglückliche Ehen, sexuelle Affären. Und sie sieht die Welt aus den Augen einer Frau, die erkannt hat, dass alle gebildeten jüdischen Frauen unter der Rolle als Ehefrau und Mutter leiden und stellt dies mit nahezu kabarettistischem, feinem Humor dar. "Sie malte, um zu verarbeiten", schrieb ein Ausstellungskurator. Das glaube ich, nach dem Betrachten der Bilder, nicht! Sie malte um zu arbeiten, um Künstlerin zu sein, um eine große Künstlerin zu sein. Charlotte Salomon schrieb kein Tagebuch, sie gestaltete ein großes Kunstwerk. Erstaunlich ist, mit welcher Ehrlichkeit sie sich selbst, ihre Gefühle und ihr ganzes Leben darstellt. Schon vor ihrer Geburt beginnt die Bild-Serie, mit dem Selbstmord ihrer Tante Charlotte. 1913 ertrank diese in einem See. "Selbstmord einer 18-Jährigen" titelt Salomon und zitiert nüchtern: "Die gefundene Leiche wurde heute morgen vom Vater im Leichenschauhaus identifiziert. Wir sprechen den Eltern unser herzlichstes Beileid aus und hoffen, sie werden Trost in ihrer älteren Tochter finden". Die "ältere Tochter" war Charlottes Mutter.

Zwei Monate vor Charlottes neuntem Geburtstag nimmt sich ihre Mutter das Leben - aus Einsamkeit - wie Charlotte es empfindet. Sie malt ein leeres Fenster in den verschiedensten Blautönen. Sie selbst zeichnet sich als schmales Mädchen, mit vorgebeugten Schultern und traurigem Gesichtsausdruck. Ihre bewunderte Stiefmutter, die im Jahr 2000 verstorbene Sängerin Paula Salomon-Lindberg, malt sie dagegen als schöne Frau, in farbenprächtigen Kleidern.

Grauen der NS-Zeit

Charlotte Salomon hat den Nationalsozialismus in seiner Grausamkeit seiner Träger dargestellt. Gesichtslose Gestalten drängen durch die Straßen Berlins. Darüber weht eine Fahne mit dem Hakenkreuz. Wie um das goldene Kalb tanzen Menschen ohne individuellen Ausdruck um ein Plakat für den Stürmer. Sie sah die Faszination der Massen für Hitler, und sie zeichnete den halb verhungerten Vater nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager. In diesen Bildern verschmelzen politische Ereignisse und das Leben der Familie Salomon in dramatischer Weise. Jüdische Menschen, die geliebt, gearbeitet und gesungen haben, werden zu Opfern ohne Rechte gemacht.

Von den Nazis ermordet

Charlottes Eltern schicken ihre Tochter zu den Großeltern nach Südfrankreich. Alles das, stellt sie in ihren Zeichnungen dar. 1940 wird Charlotte Salomon in Nizza verhaftet und kommt zusammen mit ihrem Großvater in das Konzentrationslager Gurs. Weil der alte Mann zu schwach ist und/oder weil sie von einer Frau unterstützt werden, kommen sie nach einigen Monaten wieder frei. Charlotte zieht sich zum Malen zurück. Sie heiratet Alexander Nagler. Er ist ein jüdischer Flüchtling aus Österreich. Charlotte Salomon wird schwanger. Bei ihrer Hochzeit geben sie ihre wahren Namen an. Die Behörden leiten ihre Namen weiter. Das Ehepaar wird nach Auschwitz deportiert. Charlotte wird bei ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet, ihr Ehemann stirbt an den Folgen der Zwangsarbeit. Paula Lindberg-Salomon und ihr Vater überleben und sorgen dafür dass "Leben? Oder Theater?" nicht in Vergessenheit gerät.

Ausstellung

Ein großer Teil ihres ungewöhnlichen künstlerischen Vermächtnisses wird demnächst in einer Ausstellungstournee quer durch Deutschland zu sehen sein: Bis 22. August im Städel in Frankfurt, dann in den Kunstsammlungen Chemnitz und in der Neuen Nationalgalerie in Berlin und hoffentlich auch bald in Österreich. Ulrike Knöfel schrieb im Spiegel: "Dieses Dokument einer expressiven Rebellion, eines künstlerischen Aufbegehrens auch gegen das eigene Schicksal – es sollte und wird wohl als eines der Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts in die Kunstgeschichte eingehen". Wie wahr! Großartig, wunderbar, ganz große Kunst und ab jetzt hoffentlich nie mehr vergessen und nie mehr unbekannt!

P.S.: Eine große Bitte an die ProgrammmacherInnen des ORF: Sendet doch endlich die Dokumentation über das Leben und die Kunst von Charlotte Salomon im Hauptabendprogramm!

Literaturhinweise

Paula Lindberg-Salomon:
'Mein C'est la vie-Leben' in einer bewegten Zeit
Der Lebensweg der jüdischen Künstlerin, Berlin 1992

Astrid Schmetterling:
Charlotte Salomon
1917-1943
Bilder eines Lebens
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2001

Von Ruth Devime
Die Autorin ist Webdesignerin, Schulgründerin und Biogärtnerin.
  • Charlotte Salomon:
Leben? Oder Theater?
hg. von Edward van Voolen 
Prestel 2004
Gebundene Ausgabe
ISBN: 3791331663
Euro 59
    foto: katalog-cover/prestel
    Charlotte Salomon:
    Leben? Oder Theater?
    hg. von Edward van Voolen
    Prestel 2004
    Gebundene Ausgabe
    ISBN: 3791331663
    Euro 59
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