"Der Staat ist auch nicht unparteiisch"

8. September 2004, 15:05
posten

Kultursponsoring auf dem Prüfstand: Menasse bei Experten-Diskussion zum "Lebensmittel Kultur": Reichen sollen Steuern zahlen, damit Saat in Kultur investieren kann

- Kultursponsoring auf dem Prüfstand Salzburg Festspiele und "Die Zeit" luden Experten aus Kultur und Wirtschaft zum Streitgespräch

Salzburg - "Die Musen und der Mammon" war der Titel einer Diskussion, zu der die Salzburger Festspiele und die Hamburger Zeitung "Die Zeit" heute, Samstag, Nachmittag in Salzburg einluden. Der europaweit erfolgreiche Unternehmensberater Roland Berger, der designierte Schauspielchef der Festspiele, Martin Kusej, der Autor Robert Menasse, Festspielintendant Peter Ruzicka und Hans Zehetmair, bayerischer Kulturstaatsminister a.D., versuchten zu beleuchten, ob das Kultursponsoring "am Ende nur Gewinner" hinterlässt.

Berger: Europäische Unternehmenskultur nicht nur von Gewinnmaximierung geprägt

Die Fronten in diesem Streitgespräch waren schnell klar. Auf der einen Seite Ruzicka, dessen Festspiele allein von den Hauptsponsoren 2,4 Mio. Euro bekommen, Kusej, der "nicht rechnen, sondern von Utopien reden" will und Berger, der von einer Unternehmenskultur in Europa spricht, die von gesellschaftlicher Verantwortung und nicht nur von Gewinnmaximierung geprägt sei. Hier wurden mit Sponsoren Erfahrungen gemacht, die "super, super" waren (Kusej), von Einmischung der Sponsoren in die künstlerischen Inhalte keine Spur (Ruzicka). Zwar verwies Berger auf die USA, wo Sponsoren Geld zurück gefordert hätten, weil einem Entscheidungsträger die Inszenierung einer Wagner-Oper nicht gefallen habe. Aber: "Der Staat ist auch nicht unparteiisch, Staat mit Freiheit gleichzusetzen, ist naiv", so der Unternehmensberater.

Menasse. "Lebensmittel Kultur"<7b>

Auf der anderen Seite Menasse, der sich leidenschaftlich für die staatliche Kunstförderung ins Zeug legte. Sponsoren investierten ihr Geld zu fast 98 Prozent in die reproduktive Kultur. Seitens des Staates sei das Förder-Verhältnis gegenüber der schöpferischen Kultur zwar auch nicht ideal, aber deutlich besser. "Wenn die Unternehmer, deren Steueranteil gemessen am Gesamtbudget des Staates seit 1960 von 31 auf 2,7 Prozent im Jahr 2000 gesunken ist, brav Steuern zahlen würden, könnten wir nicht nur die Sozialsysteme, sondern auch die gesamte Kultur problemlos unterstützen. Die Reichen werden immer reicher, da ist es doch besser, sie zahlen Steuern und der Staat unterstützt die Kultur. Diese muss als 'Lebensmittel' im Interesse aller Menschen anerkannt sein."

Sponsoren interessieren nur Großveranstaltungen, klagt Zehetmaier

Zehetmair argumentierte, für Events oder strahlende Ereignisse - etwa die Bayreuther Festspiele oder die Dokumenta in Kassel - sei Geld von Sponsoren leicht aufzutreiben. "Aber die breite Kultur, die nicht so glänzt, aber Voraussetzung ist für die kulturelle Spitzenleistung, die interessiert kaum einen Sponsor. Da drohen uns reihenweise Schließungen von Kultureinrichtungen und damit die kulturelle Verödung. Kultur zu fördern ist und bleibt daher Aufgabe des Staates. Privates Geld kann die Kultur unterstützen, die Leistung der Öffentlichen Hand ersetzen kann es nicht." (APA)

Share if you care.